Gedanken zum ersten Fastensonntag von Bischof Benno Elbs

Als Kind habe ich gern und oft Verstecken gespielt. Ob im Haus oder draußen im Freien, überall haben wir Verstecke gefunden, um möglichst lange unentdeckt zu bleiben. Ist dies gelungen, kam nach einiger Zeit die ungeduldige Frage: „Wo bist du?“

Wo bist du? Das ist in der Bibel die erste Frage, die Gott dem ersten Menschen, Adam, stellt (vgl. Gen 3,9). Nachdem er von der verbotenen Frucht im Garten Eden gegessen hatte, hat sich Adam vor Gott versteckt: aus Scham und Furcht, sich für seine Taten rechtfertigen zu müssen. Wo bist du? Hier geht es nicht mehr um ein Spiel, sondern um eine ernst zu nehmende Frage, die an die eigene Verantwortung erinnert.

Verantwortung, Transparenz, Rechenschaft

Man kann die Frage aber auch anders stellen: Wo bist du, Kirche? Aus Scham vor den Vorwürfen, mit denen sich die Kirche aktuell konfrontiert sieht, möchte man sich – wie Adam – am liebsten verstecken. Aber das geht nicht. Vor Verantwortung kann und darf man sich nicht drücken. Vor allem dann nicht, wenn Menschen gelitten haben oder immer noch leiden. In Österreich bemühen wir uns seit einigen Jahren mithilfe von Expertinnen und Experten um einen Weg der Transparenz und Prävention, der ehrlichen Aufarbeitung und der Solidarität mit den Betroffenen. Diesen Weg gilt es konsequent weiterzuverfolgen.

Lebens-Fragen

Ich merke es immer wieder: Vor den wichtigen Fragen des Lebens flüchtet man sich gerne in ein Versteck. Sie werden zwischen der Dauerbeschallung durch Social Media und dem ständigen Hinterherlaufen von einem Termin zum nächsten gern betäubt, überhört und schließlich vergessen. Wer vor etwas davonläuft, ist orientierungslos. Und man beginnt zu fragen: Wo bin ich? Wo stehe ich in meinem Leben? Und vor wem oder was verstecke ich mich?

Die Fastenzeit kann eine Zeit sein, in der man sich (diesen) Fragen stellt. Wer die Augen aufmacht und das eigene Leben in den Blick nimmt, wird vieles entdecken: Schweres und Leichtes, Gelungenes und vertane Chancen, Wut und Freude, Last und Lust. Weder ein verklärender Rückblick in die Vergangenheit noch ein sehnsüchtiger Ausblick in die Zukunft soll uns daran hindern, die Augen auf die Gegenwart zu richten. Wer bist du – jetzt? Der Mystiker Meister Eckhart hat einen tröstlichen Gedanken geschrieben: „Mit Gott kannst Du nichts versäumen. Denn Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich: nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist.“

Was gibt dir Hoffnung?

In den letzten Tagen hatte ich vermehrt Begegnungen mit Menschen, die wegen Krankheit oder Todesfällen in der Familie am Sinn des Lebens zweifeln. Mehrmals wurde ich dabei gefragt: Was gibt dir Hoffnung? Woher nimmst du die Überzeugung, dass alles gut wird und nicht Tod und Trauer, sondern Gottes Ja zum Leben das letzte Wort hat? Mögliche Reaktionen in Krisen sind Verzweiflung, Resignation, Lähmung oder Wut. Auch verstecken ist eine davon. Eine Krise kann aber auch zur Startbahn einer Neuorientierung werden. Leider geht das nicht automatisch, sondern erfordert Mut, Vertrauen, einen guten Freund/eine gute Freundin und den Glauben daran, dass immer ein Neuanfang möglich ist.

Wir stehen am Beginn der 40-tägigen Fastenzeit. Es ist eine Zeit der Suche, der Prüfung, der Entscheidung, des Loslassens, des Wiederaufstehens. Eine Zeit, sich aus dem Versteck herauszuwagen und neuen Mut zu schöpfen. Zu erleben, wie Menschen neu aufzuleben beginnen, wenn sie schlimme Situationen hinter sich lassenkonnten, macht mich unendlich dankbar. Das stärkt meinen Glauben an einen Gott, der den Tod besiegt hat und das Leben in Fülle für alle will. Das ist es, was mir Hoffnung gibt – in jeder Situation.


Bischof Benno Elbs