Ein Purzelbaum ist wohl eines der ersten „akrobatischen“ Kunststücke eines Kindes. Er sieht einfach aus, zeigt sich aber bei näherem Betrachten als komplexer Ablauf, der einiges an „Bewegungs-Knowhow“ erfordert. So ist es auch mit den Purzelbaum-Eltern-Kind-Gruppen. Das Konzept ist einfach, die Auswirkungen jedoch verblüffend vielschichtig: ein Besuch in der Purzelbaum-Gruppe in Wolfurt.

Patricia Begle

Die Kissen liegen schon im Kreis.  Selbstgemacht, das sieht man gleich. Auf jedem ist ein Name zu lesen: Vincent, Paul, Dilem, Ariana, Mohammad, ... Langsam trudeln Mütter und Kinder ein. Begrüßen, plaudern, ankommen. Ganz selbstverständlich nehmen alle ihren Platz ein, sie kennen nicht nur die Gruppe, sondern auch den Ablauf. Das vermittelt Sicherheit. Sicherheit bringt auch Mamas Schoß, auf dem gestartet wird. „Wir freuen uns, wir freuen uns, dass wir beisammen sind. Ich bin da, du bist da, Marie ist da.“ Das Lied wird für jedes Kind gesungen. Denn jedes hat hier seinen Platz, ist wichtig und gehört dazu.

Jeder Einheit ihr Thema

Lieder und Reime werden immer mit Bewegungen kombiniert. Die Kinder - und die Erwachsenen - können sie längst auswendig, sie erklingen auch zuhause oder überbrücken beim Arzt die Wartezeit. Sie sind nicht das einzige, was die Mütter vom Vormittag mitnehmen. Denn jede Einheit steht unter einem bestimmten Thema. Von Ernährung über Erziehungsfragen bis zur Gestaltung von Festen im Jahreskreis. Die Leiterin moderiert die Austauschrunde, die Helferin schaut zwischenzeitlich auf die Kinder. Dann wird gemeinsam gegessen. Alle helfen mit beim Decken des Tisches. Immer noch kommt keine Hektik auf, obwohl so viele Kinder in einem Raum sind. Für die Schlussrunde trifft man sich dann wieder im Kreis, wieder erklingen Lieder.

Purzelbaum Eltern-Kind-Gruppen umfassen jeweils zehn Einheiten - das sind zwei Stunden am Vormittag bzw. Nachmittag. Übers Jahr werden drei Einheiten angeboten, sodass, wer will, das ganz Jahr über teilnehmen kann. Und das wollen viele. Meist kommen die Mütter und Kinder bis der Wechsel in den Kindergarten ansteht - und verabschieden sich dann schweren Herzens. Sie sind zusammengewachsen in dieser Zeit, konnten Kontakte knüpfen und Freundschaften schließen. Vor allem für Mütter, die zugezogen sind, ist das wichtig, egal ob sie aus Kärnten kommen oder aus Syrien.

Bereicherung für alle

Bereichernd sind sind die Purzelbaum-Gruppen aber nicht nur für Eltern und Kinder. Auch für die Gruppenleiterinnen und Helferinnen bedeuten sie vielfach Wiedereinstieg ins Arbeitsleben bzw. berufliche Neuorientierung. So hat Sabrina Prattes von der Buchhaltung in die Purzelbaum-Baby-Gruppe gewechselt. „Ich wollte etwas Kreatives machen“, erklärt die zweifache Mutter. „Mit den Kindern taugt es mir echt. Vor allem fasziniert mich zu sehen, wie sie sich entwickeln - da passiert so viel. Und ich kann ihnen viel mitgeben.“ Prattes war zuerst Teilnehmerin, dann Helferin und absolvierte schließlich den Lehrgang zur Purzelbaum-Leiterin. So wie Birsen Kalkan, die seit April die Gruppe in Wolfurt leitet. „Der Lehrgang war wirklich eine Herausforderung für mich“, erzählt die Wolfurterin. „Aber ich hatte so viele Aha-Erlebnisse, habe so viel Neues gelernt - ich gehe jetzt anders mit meinen eigenen Kindern um.“ Sie wird ihr Können in Zukunft auch als Kindergarten-Assistentin einsetzen und am spannenden Thema „Entwicklungspsychologie“ will sie auf jeden Fall dranbleiben.

Für die Gemeinde Wolfurt fügen sich Purzelbaum-Gruppen bestens in das Gesamt-Konzept für Familien. „Wir verfolgen schon seit Jahren eine aufsuchende, niederschwellige, einfache Begleitung von Familien“, erklärt Manuela Bundschuh, die in der Gemeinde für „Soziales“ verantwortlich ist. Jede Familie wird bei der Geburt eines Kindes seitens der Gemeinde besucht. Dabei wird darauf geachtet, ob eine Familie Unterstützung braucht und welche Form dies sein könnte. Manchmal ist es eine Purzelbaum-Gruppe, zum Beispiel dann, wenn Eltern im Ort kein familiäres Umfeld haben. „Die Gruppen sind eine tolle Möglichkeit, Anschluss zu einer Gruppe und zu gleichaltrigen Kindern zu finden“, weiß die engagierte Gemeindemitarbeiterin. Deshalb sind stets zwei Gruppen-Plätze reserviert, die von der Gemeinde gebucht werden können.

Bedürfnisse wahrnehmen

Gleichzeitig sind auch die Purzelbaum-Leiterinnen darin geschult, Bedürfnisse von Müttern wahrzunehmen und Unterstützungsangebote zu vermitteln. Sie sind Teil des großen Netzwerkes, das es im Land für Familien gibt, sind in Kontakt mit dem aks, ifs, den „Frühe-Hilfe-Netzwerken“ und anderen Insitutionen. Dass sie dabei keine „Fremden“ sind, sondern in einem freundschaftlichen Verhältnis zu den Müttern stehen, macht die Sache natürlich einfacher, die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen ist um ein Vielfaches größer.

Zur Sache

Purzelbaum Eltern-Kind-Gruppen

sind ein Angebot der Elternbildung des Katholischen Bildungswerkes Vorarlberg, das von Pfarren, Gemeinden, Land und Bund gefördert wird. Ab September 2019 finden sie wieder in 16 Gemeinden statt. Im vergangenen Jahr gab es 76 Gruppen, 10 davon waren Eltern-Baby-Gruppen.

Purzelbaum-Lehrgang

Von November 2019 bis November 2020 findet in Kooperation mit dem Bildungshaus Batschuns ein Lehrgang statt. Die 11 Module - jeweils Freitag Nachmittag und Samstag - umfassen psychologische und (religions-)pädagogische Themen, befähigen zur Selbstreflexion sowie zur Moderation von Gruppen.
Infoabend: 30. September 2019, 19 Uhr, Bildungshaus Batschuns.
Infos und Anmeldung: E