An drei Schulen im Land haben Flüchtlinge die Möglichkeit ihren Hauptschluabschluss innerhalb eines Jahres nachzuholen. Helmut Hartmann ist Lehrer an der HAK in Bludenz und war verantwortlich für eine dieser sogenannten Übergangsklassen. Wir trafen uns mit ihm, um über seine Erfahrungen zu sprechen.

Das Interview führte Johanna Berger

In Bludenz gab es in diesem Jahr eine Übergangsklasse für Flüchtlinge. War das das erste Mal?
Helmut Hartmann: 2017/2018 war das zweite Jahr, dass wir eine Übergangsklasse an der HAK in Bludenz hatten. Begonnen hat alles im Schuljahr 2016/17. Damals war ich allerdings noch nicht dabei. 2017/18 wurde ich dann als eine Art Klassenvorstand eingeteilt. Für die Übergangsklassen gibt es ein eigenes Lehrer/innenteam, das die Schüler/innen ein Jahr lang in verschiedenen Fächern unterrichtet. Anschließend, dann im Juni und Juli haben sie die Abschlussprüfungen an der Volkshochschule in Götzis.

Kann man sich diese Übergangsklasse wie eine normale Schulklasse vorstellen?
Hartmann: Die Übergangsklasse ist eine ganz normale Klasse, wie andere Klassen auch. Mit dem Unterschied, dass die Schüler/innen vom Gesetz her keine Schüler/innen, sondern Teilnehmer/innen eines Kurses sind. Wir beginnen am Morgen um viertel vor 8, wie die anderen Schüler/innen auch, haben einen geordneten Stundenplan, regelmäßige Unterrichtsstunden – 20 Stunden pro Woche, teilweise auch am Nachmittag.

Welche Fächer müssen für den Pflichtschulabschluss nachgeholt werden?
Hartmann: Als Unterrichtsfächer hatten wir in der Klasse Englisch, Deutsch, Mathematik, Ethik, Sport, Biologie, Geschichte und Projektarbeit. Geprüft werden die Schüler/innen dann in Englisch, Deutsch und Mathematik. Zusätzlich müssen sie zwei Projektarbeiten schreiben - über Natur/Technik und über Gesundheit und Soziales. Ein kleines Prüfungsgespräch gibt es auch noch, es ist ein Gespräch über Berufsorientierung. Österreicher/innen, die ihren Pflichtschulabschluss nachholen, machen dieselben Prüfungen. Das Niveau ist bei Flüchtlingen natürlich nicht so hoch, da sie zuerst die Sprache lernen müssen. Es ist für sie ein echter Marathon in einem Jahr all diese Fächer nachzulernen.

Welche Unterrichtsfächer haben Sie unterrichtet?
Hartmann: Ich habe Ethik und PSK, Persönlichkeitsbildung und Sozialkompetenz unterrichtet. Im Laufe der Zeit bin ich davon aber immer mehr abgekommen und habe dann einfach bei den Fächern, Mathematik, Deutsch und Projektarbeit mitgemacht, in denen die Schüler/innen dann ja auch ihre Prüfungen ablegen mussten. Der Zeitdruck war einfach zu groß. Es ist ein Marathonprogramm innerhalb eines Jahres alle Fächer auf ein Niveau zu bringen, mit dem man ihnen guten Gewissens den Abschluss geben kann. Da musste ich einfach unterstützen.

Was denken Sie persönlich über die Übergangsklassen?
Hartmann: Vom Konzept her ist die Idee gut, aber es wäre einiges verbesserungswürdig. Zum Beispiel wäre es gut, wenn die Übergangsklassen auf zwei Jahre ausgelegt wären und zuerst nur Deutsch gelernt wird. Helfen würde auch, wenn die Prüfungen über die gesamte Zeit aufgeteilt, also gestaffelt würden. Auch was das Personal betrifft, gäbe es noch Potenzial. Wir haben in der Übergangsklasse und gleichzeitig auch die Regelschüler/innen unterrichtet. Ich persönlich bin dieses Jahr sehr ins Strudeln gekommen. Es war einfach anstrengend. Die Schüler/innen in der Übergangsklasse brauchen viel mehr Aufmerksamkeit. Auch die Klassen sind zu groß – es gäbe vieles zu verbessern und man sollte die Verbesserungsvorschläge der Lehrer/innen aus der Praxis wirklich ernst nehmen.


Wer war dafür zuständig, welche Schüler/innen zu Ihnen kamen?
Hartmann: Der Landesschulrat hat uns die Schüler/innen zugeteilt. Die Klasse war also von vornherein fix zusammengestellt. Ein paar Schüler/innen sind zusätzlich ganz selbstständig zu uns gekommen. Flüchtlinge und Asylwerber/innen sind untereinander wahnsinnig gut vernetzt. Durch die Vernetzung kommen sie natürlich, wenn sie von so einer Ausbildungsmöglichkeit hören. Wir mussten tatsächlich sieben ablehnen. Auch die VHS in Götzis und Lauterach wurden überrannt. Für die Betroffenen ist das natürlich eine Katastrophe, aber man kann leider nicht alle nehmen.

Bestand diese Übergangsklasse ausschließlich aus Flüchtlingen oder auch aus Österreicher/innen?
Hartmann: In unserer Klasse waren lauter Flüchtlinge. An der VHS gibt es zum Teil auch gemischte Klassen. 21 sind bei uns gestartet, zu den Prüfungen angetreten sind 16. Die Abgänge waren freiwillig oder wegen zu häufigen Fehlens. Die Ergebnisse waren durchwachsen, nur drei Schüler von uns haben alles auf Anhieb geschafft. Andere haben es teilweise geschafft, sie können im November noch einmal antreten. Ich hoffe, dass die VHS wieder einen Crash-Kurs mit ihnen macht. Nach diesem Kurs stehen die Chancen gut, im November bei den Prüfungen durchzukommen. Sie müssen sich dann nur auf 1-2 Fächer konzentrieren.

Sollten Flüchtlinge getrennt oder gemeinsam mit den österreichischen Schüler/innen unterrichtet werden?
Hartmann: Meiner Meinung nach ist es für Flüchtlinge besser, in einer gemischten Klasse zu sein, also auch mit Österreicher/innen. Ein Lehrer der VHS hat mir einmal folgende Geschichte erzählt: Ein Österreicher wollte nicht neben einem Flüchtling sitzen. Der Lehrer bestand aber darauf, also setzte er sich doch auf diesen Platz. Der Flüchtling war ziemlich auf zack. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den zwei und sie unterstützen sich gegenseitig im Unterricht. Dieses Beispiel zeigt, wie eine gemischte Klasse den Charakter von Menschen positiv verändern kann. Ich würde auf jeden Fall gemischte Klassen bevorzugen.

Welche Wege stehen den Flüchtlingen mit einem Hauptschulabschluss offen?
Hartmann: Wenn sie ihren Hauptschulabschluss haben, können sie noch weiter in die Schule gehen oder, was ich ihnen empfehle, eine Lehre machen. Dann verdienen sie ihr eigenes Geld, sind im Berufsleben, lernen Deutsch und haben Umgang mit anderen Menschen. Wenn man ganz wirtschaftlich überlegt, hat der Staat Österreich dabei viel gewonnen. Die Flüchtlinge haben nur eine kurze Ausbildung, werden dann sofort in das Berufsleben eingegliedert. Damit zahlen sie auch Steuern und sind schnell integriert.

Was passiert mit denen, die noch kein Asyl bekommen haben?
Hartmann: Die Hälfte meiner Schüler/innen, acht, sind Asylwerber/innen. Sie dürfen also gar nicht arbeiten, außer es sind Mangellehrberufe. Diese Berufe entsprechen natürlich nicht immer ganz den Bedürfnissen und Wünschen der Schüler/innen. Helfen würde es da natürlich, wenn die Asylanträge schneller bearbeitet werden könnten. Ich habe jede/n dieser Schüler/innen jetzt ein Jahr lang persönlich kennengelernt und betreut und es würde mich furchtbar schmerzen, wenn eine/r von ihnen abgeschoben würde. Sie hängen jetzt einfach in der Luft, denn kein Betrieb stellt sie ein, solange er nicht weiß, ob sie bleiben können. Das ist einfach schade!

Welche Zukunftspläne haben Ihre Schüler/innen?
Hartmann: Durch die WhatsApp Gruppe stehe ich immer noch im Kontakt zu meinen Schüler/innen. Vier oder fünf möchten in die Regelschule. Ich würde sagen, die Chancen stehen bei 50%, dass sie das bewältigen, sie müssen wirklich Vollgas geben. Ich wäre dafür, dass sie Lehren machen. Bei den Berufswünschen ist von Friseur über Pilot oder Elektrotechniker bis hin zum Präsidenten alles dabei. Das sind so die Zukunftspläne, von denen ich weiß.

In welchem Alter waren die Flüchtlinge, die Sie unterrichtet haben?
Hartmann: Die Klasse war ursprünglich für Jugendliche zwischen 16 und 18 geplant. Wir hatten aber zwei, die schon über 18 waren. Einer war 19, der andere 20. Für Flüchtlinge, die älter sind als 20 gibt es die Möglichkeit, das Programm „Top for Job“ zu machen. Das ist eine Lehre mit gleichzeitigem Hauptschulabschluss und natürlich können sie den Pflichtschulabschluss auch an der VHS ablegen. Die Altersspanne von 16-20 bei uns wurde bewusst so gewählt, da auch unsere anderen Schüler/innen in diesem Alter sind.

Aus welchen Ländern stammen Ihre Schüler/innen?
Hartmann: Einer meiner Schüler kommt aus der Ukraine, er hat allerdings abgebrochen, weil er eine Lehrstelle gefunden hat. Er hat das geschafft, weil der Freund seiner Mutter Österreicher ist. Mit Bekannten und Beziehungen geht so etwas. Ein großer Teil, acht, kommt aus Syrien, ein zweiter großer Teil, ebenfalls acht, aus Afghanistan. Zwei waren aus dem Irak und vier aus dem Iran.

Wie groß ist die Nachfrage an Übergangsklassen?
Hartmann: Vor zwei Jahren waren es noch vier Schulen, die auf zwei reduziert wurden. Wir hätten mehr gebraucht, es sind immer wieder Flüchtlinge gekommen, die auch noch in diese Klasse wollten. Wir mussten von vornherein schon sieben ablehnen. Es ist ein Kapitalfehler, wenn die, die wollen nirgends unterkommen. Was sollen sie machen ohne Geld, ohne regelmäßigen Tagesablauf? Sie treffen sich am Bahnhof. Was sie dort tun und was wir dann darüber denken, ist auch schon vorprogrammiert. Wieso sie dort sind, sieht keiner. Das ist schade.

Wie würden Sie die Erfahrungen, die Sie dieses Jahr gemacht haben, einordnen?
Hartmann: Wenn ich eine Bilanz ziehe, ist die ganz eindeutig positiv. Es hat mich unheimlich viel Energie, Aufwand und Nerven gekostet. Aber diese, meine Schüler/innen kennen zu lernen, einen kleinen Einblick zu bekommen in ihre Geschichte, hat mich weitergebracht. Ich habe sehr viel gelernt in diesem Schuljahr. Ich denke auch für die Schüler/innen war es eine positive Erfahrung. Trotz allen Schwierigkeiten und Konflikten sind viele einen Schritt weitergekommen. Wenn es diese Übergangsklasse bei uns noch einmal gäbe, würde es mich reizen zu sehen, was man alles besser machen könnte. Für mich war es eine tolle Erfahrung.

Gibt es etwas, dass Sie am Ende noch sagen möchten?
Hartmann: Ich möchte mich abschließend noch bei allen bedanken, die mich unterstützt haben. Zuallererst bei meinen Lehrerkolleg/innen. Bei der VHS Götzis, der Caritas, allen Organisationen und auch Sponsoren, die uns unterstützt haben. Ich glaube, Vorarlberg leistet wirklich gute Arbeit in der Flüchtlingspolitik. Ich bin sehr zufrieden, auch wenn vieles nicht immer optimal läuft. Natürlich möchte ich mich auch bei den Schüler/innen bedanken. Sie sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Es war nett euch kennenzulernen! Ich hoffe, ich höre immer wieder etwas von ihnen.