Bei einer Podiumsdebatte zum Thema Diakonie ging es am Mittwoch nicht nur um die Facetten dieses „Grundauftrags“ der Kirche, sondern in einer sehr intensiven Diskussion vor allem um die politische Dimension von Solidarität und Nächstenliebe.

Ja, in was für Zeiten leben wir eigentlich? Seit Caritasdirektor Walter Schmolly diese Frage aufgeworfen hat, hängt sie im Raum. Im Saal des Diözesanhauses denkt man ihretwegen wieder an das, was Bischof Benno Elbs zuvor gesagt hat – zur Betroffenheit über die Situation in Syrien, die kaum eine Nachrichtenlänge anhält. Man denkt an das „Klima sozialer Kälte“, das Schmolly selbst skizziert, als er davon erzählt, welche Kürzungen beim AMS geplant sind, wenn es nach den Budgetplänen der Regierung geht. Und man denkt daran, als die Diskussion zum Wie und Warum von Diakonie bald um ein ganz anderes Thema kreist – die Frage, wie politisch dieser kirchliche Grundauftrag eigentlich ist.

Es ist ein kleiner Kreis, der auf Einladung von Caritas und Katholischer Kirche Vorarlberg beim „WortWechsel“ debattiert: Knapp 30 Männer und Frauen, denen das Thema Diakonie aus verschiedenen Gründen am Herzen liegt. Weil sie, wie Podiumsgast Sylvia Ulmer, vielleicht als Pfarrbeauftragte für diesen Bereich zuständig sind. Weil sie, wie Pastoralassistent Norbert Attenberger aus Bürs, mit Religionssoziologen Paul Zulehner auf eine noch solidarischere Kirche hoffen, die so ihre Daseinsberechtigung erneuert. Weil sie, wie Gast Andreas Kräutler, beide Seiten der diakonischen Medaille kennen – die Gebende wie die Empfangende.

Die Verhältnisse umkehren

In seinem Impuls zum Auftakt zog Bischof Benno Elbs die Erzählung von Jesus‘ Begegnung mit dem Aussätzigen (Mk 1,39–42) heran, um zu verdeutlichen, welcher Sprengstoff in „aktiver“ Nächstenliebe steckt: „Christliche Diakonie geht an die Ränder und in die Tiefe“, zitiert er den heutigen Papst Franziskus, „und kehrt die Verhältnisse so um: Die Peripherie wird zur neuen Mitte – und das birgt natürlich Konfliktpotential.“ Weil sich das „Establishment“ zurückgesetzt fühle und um Wohlstand, Sicherheit, Beheimatung fürchte, wie Schmolly erklärt. Weil vielen nicht klar sei, dass Bedürftigkeit in den seltensten Fällen als „Leistungsverweigerer“ auftrete, sondern Menschen treffe „wie dich und mich“. „Weil die größte Armut“, zitiert Benno Elbs seinen Bischofskollegen Erwin Kräutler, „die ist, nicht existieren zu dürfen.“

Neben der „richtigen“ Portion Mut, die das Auf-„Suchen“ von Menschen am Rande der Gesellschaft mitunter bedarf oder die Vernetzung von Haupt- und Ehrenamt, sorgt vor allem ein Punkt für Kontroverse: Die Frage, wer angesichts manch fragwürdiger gesellschaftlicher Entwicklung wann wie viel Stellung beziehen kann, muss und soll. Brigitte Knünz, Leiterin des Werks der Frohbotschaft, hält ein flammendes Plädoyer für einen „Caritas-Bischof, der hinsteht“. Bischof Benno Elbs wiederum sieht seine Rolle mehr als „Stück-, denn als Szenenkommentator“, der laut wird, sobald grundlegende Menschenrechte zur Disposition stehen – nicht aber bei jeder Einzelmaßnahme. Podiumsgast Erich Baldauf, Dekan der Katholischen Kirche in Dornbirn, nimmt alle in die Pflicht: „Eine Kirche des Volkes darf sich nicht immer nur auf die Kleriker verlassen, sondern muss selbst aktiv werden.“

Politik pur

Wie ein solches Handeln aussehen könne, hätte Jesus vorgelebt, meint Elbs – und sein „politisches Programm“ gleich mitgeliefert: Das Hingeben von Leib und Leben für alle Menschen sei das Statement schlechthin gegen Aus- und Abgrenzung. Und auch, wenn Jesus damit viel weiter gegangen sei, als es viele je vermögen, hätte auch sein Handeln Grenzen gekannt. „Zu ‚unmöglich‘ ist niemand verpflichtet“, erklärt Elbs in Hinblick auf Matthäus 26, wo es heißt: „Ihr habt allzeit Arme bei Euch“. Nur: „Wie wir mit den Schwächsten umgehen, daran wird sich zeigen, was uns unsere Werte Wert sind“, meint Knünz – und in welchen Zeiten wir leben.