Vielleicht habe man sich Gott zu lange als Helicopter-Mum vorgestellt, meint die Theologin und Universitäts-Professorin DDr. Theresia Heimerl. Maria sei da anders - und oft nicht so, wie man das von einer "gut katholischen" Mutter erwarten würde.

Interview: Veronika Fehle

Die "Frau in der Kirche" ist ein Thema, das immer wieder diskutiert wird. Die "Frau und die Kirche" ist wohl ebenso interessant. Maria ist ja längst nicht die Einzige, die es da zu erwähnen gäbe. Prinzipiell gefragt also: Braucht die Kirche mehr weibliche Präsenz?
Theresia Heimerl: Die Kirche braucht vor allem mehr weibliche Präsenz an den richtigen Stellen. Frauen in Leitungspositionen, Frauen in liturgischen Funktionen, Frauen als „Gesicht der Kirche für die Medien“. Und dann braucht die Kirche mehr Präsenz der ganzen Breite von möglichen weiblichen Existenzen, verschiedene Alter, Lebensformen, Herkünfte etc.

Wenn man Frauen in der Kirche sichtbar machen wollte – wäre da Maria an, die teilweise sicher unter sehr viel Kitsch begraben ist, ein guter Ansatzpunkt?
Heimerl: Maria wäre sicher ein guter Ansatzpunkt. Die Sichtbarkeit ist ja durch sie gerade in historischen Kirchen gegeben, es ginge darum, sie bewusst zu machen. Zum Beispiel Altarbilder aus 100 österreichischen Kirchen nebeneinander zu stellen und zu fragen: Auf wie vielen davon ist eine Frau und wer ist sie? Ich bin mir sicher, die „Frauenquote“ läge durch Maria hier um vieles höher als in fast allen Führungsgremien der österreichischen Wirtschaft. Und Maria ist in diesen Bildern ja nicht die brave Dienerin, sondern sie entscheidet (Verkündigungsbilder) und sie lässt sich auf Händen tragen (Himmelfahrtsbilder). Ja, mit Maria könnte man Frauen und weibliche Macht in der Kirche sehr gut sichtbar machen, man müsste nur ein klein wenig die Blickrichtung ändern.

Ist Maria heute also noch ein „brauchbares“ Vorbild oder erleidet sie das Schicksal des Ideals, das nie erreicht werden kann?
Heimerl: Die Maria der Evangelien, aber auch jene mittelalterlicher Plastiken, ist nicht moralisches Vorbild, sondern „Sympathiefigur“ im wörtlichen Sinn. Frauen können mit ihr „mitfühlen, mitleiden“, was Sympathie ja eigentlich heißt. Maria als junge Frau, die von „Unbekannt“ schwanger ist und notgedrungen einen älteren Mann heiratet. Maria als Mutter mit einem nicht immer pflegeleichten Sohn, der sich mit den Behörden anlegt. Maria als Mutter, die ihren Sohn sterben sehen muss. Das sind Bilder, die unter die Haut gehen und die auch heute noch „Vorbild“ sein können in dem Sinn, dass Frauen sehr, sehr viel aushalten müssen und es auch können.

Im Zusammenhang mit Maria taucht immer wieder entweder das Idealbild der Empfangenden oder das Vorurteil der Passiven auf. Fasst nicht beides zu kurz?
Heimerl: Maria sitzt ja nicht einfach da und lässt den Engel machen. Sie sagt aktiv "Ja". Auch sonst würde ich Marias Auftreten in den Evangelien nicht als passiv bezeichnen, eher als das einer Mutter, die viel Vertrauen in ihren Sohn hat und weiß, dass sie ihn nicht zuhause einsperren kann. Maria tut, was im Rahmen ihrer Lebenswelt möglich ist. Natürlich ist das weit weg von dem, was wir heute als selbstbestimmtes Leben bezeichnen würden. Aber dieses Ja zum Engel bzw. zu Gott – das ist in diesem historischen Kontext mehr, als viele ihrer Altersgenossinnen zu sagen hatten und vielleicht auch gesagt hätten aus Angst vor der Konvention.

Jungfräulichkeit aber eben auch die Mutterschaft sind zwei Aspekte, die die Gestalt Mariens dominieren. Ist Maria quasi die Mutter schlecht hin und wenn ja, was macht sie dazu?
Heimerl: Maria ist eigentlich nicht die katholische Mutter schlechthin. Erstens wird sie schwanger, ohne verheiratet zu sein, zweitens hat sie nur ein Kind, drittens hat man nicht den Eindruck, als würde sie ihr Kind streng rechtgläubig erziehen – sonst würde es als Erwachsener ja nicht auf so viele neue, für die Vertreter der etablierten Religion „häretische“ Ideen kommen. In einer katholischen Familienrunde könnte Maria vielleicht gar nicht so sehr punkten.

Mit Maria kommt aber auch der Aspekt der Freiwilligkeit zur Mutterschaft dazu. Maria sagt „Ja“.
Heimerl: Maria wird ausdrücklich gefragt, ob sie schwanger werden will. Traditionell katholisch gibt es dafür nur ein generelles "Ja" mit der Eheschließung. Dieser Aspekt der weiblichen Selbstbestimmung in der Mutterschaft könnte ruhig mehr betont werden. Maria als Gegenbild zu Frauen zu inszenieren, die durch Verhütungsmittel ihre Mutterschaft planen, geht jedenfalls am biblischen Befund vorbei.

Macht sie diese Reduktion zur „entschärften“ Frau?
Heimerl: Lange Zeit war Maria (neben Maria Magdalena) in der ikonographischen Tradition die „schärfste“ Frau des katholischen Christentums. Mittelalterliche Mystiker träumen von Maria, die ihnen von ihrem entblößten Busen zu trinken gibt. Und nicht wenige Marien in Verkündigungsdarstellungen sind attraktive junge Frauen, die durchaus interessiert zurücklächeln. Bis zur Reformation war dieses Marienbild nicht „unanständig“, sondern ein selbstverständlicher Aspekt Marias: Warum sollte eine junge Frau und Mutter, immerhin Mutter Gottes, nicht attraktiv, also anziehend, begeisternd sein? Dass wir Heiligkeit, Mutterschaft und Erotik so streng trennen wollen, ist eine Entwicklung der Neuzeit.

Passt Maria eigentlich in das Frauenbild, das man in manchen päpstlichen Schreiben wiederfindet - ich denke da zum Beispiel an so bekannte Vertreter wie „Humanae vitae“ oder „Gaudium et spes“?
Heimerl: Nein, gar nicht. So langweilig und asexuell, wie das Frauen- und Marienbild lehramtlicher Schreiben ist die Maria der Evangelien oder auch der Bildtradition bis ins Barock wirklich nicht.

Sie haben Gott einmal mit einer sehr modernen Mutter verglichen. Wo liegen da die Parallelen bzw. Herausforderungen?
Heimerl: Mutterschaft heißt natürlich, dass einen die Kinder jederzeit anrufen können. Das heißt aber nicht, dass sie es auch immer tun oder dass man immer sofort erreichbar sein muss. Gott als Mutter sollte heute nicht heißen, eine Mutter wie in einem Werbefilm der 1950er-Jahre oder eben in "Mulieris dignitatem". Eine Mutter, die ständig nur zu Hause ist und die Kinder überwacht und jeden unerlaubten Griff gleich sieht und bestraft, die ständig nachfragt und kontrolliert – das nervt. Solche Kinder werden sich verabschieden, sobald sie können und bestensfalls noch an hohen Feiertagen einen Pflichtbesuch abstatten. Vielleicht haben wir uns Gott, nachdem wir uns vom Vatergott verabschiedet haben, zulange als eine solche Helicopter-Mum vorgestellt und wollen jetzt endlich erwachsen sein.
Maria ist da eine ganz andere Mutter: Sie hat ihren Sohn mit einem Minimum an Vorgaben, aber viel Mut und Toleranz in die Welt entlassen und ihn ganz unauffällig begleitet, bis zum vorerst unrühmlichen Ende. Gott als so eine Mutter – das wäre ein schönes Bild. Und diese Maria hat die Himmelfahrt wirklich verdient.

Theresia HeimerlKurzbio Ao.Univ.-Prof. MMag. DDr. Theresia Heimerl

Theresia Heimerl, geboren 1971, studierte Deutsche und Klassische Philologie sowie Katholische Theologie in Graz und Würzburg,  In ihrer Habilitation befasste sie sich mit dem „Körper in Patristik, Gnosis und Manichäismus“ (2002). Seit 2003 Ao. Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u. a. im Bereich von Körper-Geschlecht-Religion, europäischer Religionsgeschichte sowie der Religion in Film und Literatur. 2015 erschien im styria-Verlag ihr Buch "Andere Wesen" - ein Buch über Frauenfiguren in der Kirche.

Andere Wesen. Frauen in der KircheBuch von Theresia HeimerlBuchtipp

Theresia Heimerl: Andere Wesen - Frauen in der Kirche
styria premium, 176 Seiten, Wien 2015

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Foto Theresia Heimerl: Georg Haab / Katholische Kirche Kärnten
Fotocredit: Christoph Peich on Unsplash