"Experimentierfreude und Fehlerfreundlichkeit" empfiehlt die Theologin Hildegard Wustmans der Katholischen Kirche angesichts des "Mitgliederschwunds". Hier seien kreative Neuansätze in der Seelsorge und ein besseres Beziehungsmanagement gefragt. Und natürlich müsse man sich im Klaren sein: "Nicht alles, was probiert wird, wird funktionieren."

Dass jedes Jahr Menschen aus der Katholischen Kirche austreten, ist kein Geheimis. Auch der Diözese Feldkirch kehrten 2016 insgesamt 2.690 Menschen den Rücken. Aber: 225 entschieden sich auch für einen (Wieder)Eintritt und 35 widerriefen ihren Austrittswunsch. Damit sie diesen Schritt erst gar nicht gehen müssen, fordert Hildegard Wustman, ihres Zeichens Pastoraltheologin an der Katholischen Privat-Universität Linz, von der Kirche Kreativität.

Kreativität. Jetzt.

"Wir müssen kreativ werden und an anderen Orten auf die Leute zugehen", meint Wustmans. "Es braucht dafür Experimentierfreude und Fehlerfreundlichkeit. Nicht alles, was probiert wird, wird funktionieren." Kirchenaustritte seien Ausdruck davon, dass die "Leute damit nicht zufrieden sind, wie ihnen Kirche begegnet", sagt die Pastoraltheologin. Und wünscht sich generell ein besseres "Beziehungsmanagement" der katholischen Kirche.

Eine missionarische "Super-Chance"

Kirchlichen Ritualen und Sakramenten kommt nach der Überzeugung der Theologin eine Schlüsselrolle zu. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern kann auch mit Zahlen belegt werden. So kann die Diözese Feldkirch, was ganz persönliche Lebensbereiche wie etwa Taufen und Trauungen betrifft, einen  kontinuierlichen Anstieg verzeichnen. So wurden im letzten Jahr  2565 Menschen getauft (2015: 2496) und 604 Paare gaben sich das Ja-Wort (2015: 557). An den konstant hohen Zahlen bei Taufe und Erstkommunion in der Kirchenstatistik könne man ablesen, dass "die Menschen etwas von der Kirche wollen und brauchen". Die Kirche müsse freilich angemessen darauf reagieren, "dass die Leute zu den Anlässen wie Taufen, Begräbnissen und Hochzeiten kommen und dann wieder weg sind." Diese sporadischen Kontakte gut zu nutzen sei eine missionarische "Super-Chance", wie Wustmans sagte.

Exzellente Hochzeiten

In diese Formen solle verstärkt investiert werden, etwa indem "exzellente Hochzeiten" angeboten werden. Begegnungen mit Leuten, die man sonst in der Kirche nicht sieht, sollen von "glaubwürdigen" Seelsorgern bestmöglich gestaltet werden, etwa mit qualitätsvoller Liturgie und ansprechenden Predigten. "Nicht von Trost sprechen, sondern trösten", empfahl Wustmans als Beispiel.

Und sie warnt davor die kontinuierlichen Kirchenaustritte zu unterschätzen, auch wenn sie in Vorarlberg aktuell nur geringfügig steigen. Für die Diözese Feldkirch sind das in realen Zahlen ein Plus an 73 Personen, die 2016 austraten. Jeder Austritt tue weh, bestätigt auch Pastoralamtsleiter Martin Fenkart  und hält die symbolischen Kirchentüren offen. Denn auch „Ausgetretene sind getaufte Christinnen und Christen und im Sinne des Glaubens bleiben sie für uns Brüder und Schwestern. Auch in den besten Familien kommt es vor,  dass sich der Kontakt zum ein oder anderen Bruder zeitweise etwas verflüchtigt“.