Der Mord an einer Jüdin in Paris. Der ECHO an Kollegah und Farid Bang. Die Kippa-Attacke von Berlin. 2018 hat offenbar nicht nur das Gedenken an 1938 belebt, sondern auch ganz viel fieses Gedankengut. Aber: Es regt sich Widerstand.

„Ich wünsche mir, dass viele Menschen Flagge bekennen“, sagte Josef Schuster, Präsident des deutschen Zentralrats der Juden. „Es ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft, sich gerade auch im Alltag gegen Antisemitismus zu engagieren.“

In Berlin und weiteren deutschen Städten folgten Mittwochabend tausende Menschen dem Aufruf der Jüdischen Gemeinde, aus Solidarität die Kippa zu tragen. Erst wenige Tage zuvor hatte der Deutsche Zentralrat der Juden seine Glaubensschwestern und -brüder dazu aufgerufen, im Alltag lieber auf die traditionelle Kopfbedeckung zu verzichten – als Reaktion auf den Vorfall im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg vom 17. April: Ein 21-jähriger Israeli und sein Freund wurden dort von drei arabisch sprechenden Männern antisemitisch beschimpft und mit einem Gürtel attackiert, weil der Israeli eine Kippa trug. Auch online bekennen Menschen Solidarität: Unter dem Hashtag #WirsindauchJuden posten sie auf Instagram, Facebook und Twitter Bilder von sich, auf denen sie mit Kippa zu sehen sind.

Der Schoß ist fruchtbar noch...

Fast zeitgleich zu dem Vorfall in Berlin-Prenzlauer-Berg erregte die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem Musikpreis „Echo“ Aufsehen: Auf ihrem Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ sind eindeutig antisemitische Zeilen zu hören, die zahlreiche Musiker veranlassten, ihre Echos zurückzugeben. Die Frage, wo die Freiheit der Kunst endet, wird seither in Deutschland kontrovers diskutiert. Seit Mittwoch steht fest, dass der Preis in seiner jetzigen Form nicht weiter verliehen wird.

Bereits Ende März war der Fall der Pariser Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll bekannt geworden, die mit mehreren Stichwunden in ihrer Pariser Wohnung aufgefunden worden war. Die Pariser Staatsanwaltschaft geht von einem antisemitischen Motiv aus. In Frankreich reagierten zahlreiche hunderte Menschen, unter ihnen Politiker und Prominente, mit einem Manifest gegen Antisemitismus und für Toleranz auf die erschreckende Zunahme solcher Fälle.

Ein gefährliches Gebräu

Damit solche Aktionen nicht wirkungslos verhallen, wünscht sich Josef Schuster mehr Sensibilität und gegenseitigen Respekt im Alltag: „Jeder und jede kann Einspruch erheben gegen Judenhass – ob am Arbeitsplatz, in der U-Bahn, auf dem Fußballfeld oder im Freundes- und Familienkreis“, so Schuster.

„Es muss der Politik, der Pädagogik, es muss uns allen gelingen, die verschiedenen Linien, die sich mittlerweile aus rechtsextremem und islamistischem Antisemitismus zu einem gefährlichen Gebräu zusammenfügen, an allen Orten der Gesellschaft tabulos zu benennen und als uns alle bedrohende Gefahr wahrzunehmen“, so der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, in einer am Mittwoch verbreiteten Mitteilung. „Wenn dies gelänge, wäre dieser Tag […] ein wichtiger erster Schritt gewesen, eine Zäsur.“

Quelle: Kathpress.at / religion.orf.at / ZEIT / Wikipedia / red
Bild: Noam Chen for the Israeli Ministry of Tourism / flickr.com / CC BY-ND 2.0