Stefan Hippler wirkt als Priester in Kapstadt, wo er seit 1997 die Aidshilfsorganisation "Hope Cape Town" aufbaute. Der 49-Jährige engagiert sich dabei für die Pflege von Aidskranken und für die Verhütung der Ausbreitung von Aids. In seinem Kampf gegen Aids fordert der katholische Seelsorger auch die Aufhebung des Kondomverbots.

Der Priester Stefan Hippler ist Gründer der Aidshilfsorganisation „Hope“ in Südafrika. In dem Land sterben hunderte Menschen an den Folgen von Aids – pro Tag.
In seinem Buch  „Gott, Aids, Afrika“ (2007) fordert er u. a. den Vatikan auf, über Änderungen beim Kondomverbot und der katholischen Sexualmoral nachzudenken, um Menschenleben zu schützen. Diese Aussagen kosteten ihn fast den Job. Hipplers 2009 auslaufender Vertrag mit der Deutschen Bischofskonferenz wurde nicht verlängert, dafür hat ihm aber sein Heimatbistum Trier einen weiteren Verbleib in Südafrika bis 2014 ermöglicht.

Das Gespräch zum Weltaidstag (1. Dezember) führte Paul Stütz.

Kommen wir gleich zum Punkt. Sie sprechen sich für den Einsatz von Kondomen in der HIV-Prävention aus …
Die berühmte Kondomfrage, die in jedem Interview vorkommt, zum Leidwesen der katholischen Kirche.

Auch zu Ihrem Leidwesen?
Ja und nein. Nein, weil diese Frage für viele Katholiken der entscheidende Punkt ist. Programme, die nur auf die Abstinenz von Sex setzen, sind vollkommener Unsinn. Reine Kondomprogramme sind aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Alle Forschung, die es gibt, sagt, das einzige, was in der Prävention hilft,  ist das Abstinenz-plus-Programm. Das heißt, man muss den Leuten beibringen, möglichst nicht zu früh sexuell aktiv zu werden und durchaus auch Abstinenz einzuüben, und gleichzeitig muss man sagen: „Leute, wenn ihr das nicht könnt, benützt ein Kondom“.
Zu meinem Leidwesen verdeckt die blöde Kondomfrage aber auch andere brennende Fragen.

Welche sind das?
Es sind tausende ethische Fragen, etwa wie Menschen gut mit HIV leben können. 33 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert. Diese dürfen in viele Länder erst gar nicht einreisen. Hier sollte die katholische Kirche eine Anwaltschaft für Menschen übernehmen, die sich nicht wehren können. Eine weitere Frage ist aber auch, wie die Kirche mit jenen umgeht, die in den eigenen Reihen HIV-positiv sind. Und: Warum sollen HIV-positive Menschen nicht zum Priestertum berufen werden? Hinzu kommen Fragen der Gerechtigkeit, der Armut oder der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Was hat  die Gleichberechtigung mit der Ausbreitung von HIV zu tun?
Gleichberechtigung von Mann und Frau heißt in dem Zusammenhang etwa, dass beide über ihren Körper verfügen können. Das ist  in vielen Gesellschaften, auch in Südafrika, zumeist nicht der Fall. Nur wer über seinen Körper, über seine Sexualität bestimmen kann, kann auch über den Schutz bestimmen.

Sie schreiben in Zusammenhang mit der Ansteckung mit HIV: Die Gebote der kirchlichen Sexualmoral können für jene Menschen, die sie strikt befolgen, einem Todesurteil gleichkommen. Ein hartes Urteil?
Ich denke schon, und da stehe ich auch dazu, dass wir etwas mehr die Liebe und Barmherzigkeit Gottes durchschimmern lassen müssen, wenn es um die Sexualmoral geht. Ich würde mich freuen, wenn wir das, was die moderne Wissenschaft über die Sexualität weiß, auch in die Theologie einfließen ließen. Da haben wir Nachholbedarf.
Im Endeffekt ist das auch eine Forderung des Papstes, der sagt: wie können wir Glaube und Wissenschaft so vereinen, dass die Kirche up to date ist und dass sie den Menschen hilft.

Verliert die katholische Kirche nicht an Autorität, wenn sie ihre Lehre verändert?
Das heißt lange nicht, dass wir alles über Bord werfen. Ich stelle nicht die katholische Kirche oder den Papst in Frage. Es geht darum, eine Pandemie zu verhindern und den Menschen zu dienen. Ich weiß auch nicht, wie eine neue Aidstheologie genau ausschauen soll. Ich bin ein Suchender, stelle Fragen, weiß aber keine fertigen Antworten.

Sie haben Ihr Buch „Gott. Aids. Afrika“ an den Vatikan geschickt. Eine Empfangsbestätigung haben Sie bekommen. Gab es auch persönliche Reaktionen?
(lacht) Ich habe mir nie erwartet, dass sich der Papst beim Angelus-Gebet hinstellt und sagt: „Schaut her, ich hab da ein tolles Buch, das Stefan Hippler geschrieben hat“. Im Vatikan ist mir aber von mehreren Seiten signalisiert worden: man ist, was die Sexualmoral betrifft, gesprächsbereit. Rom ist nicht so rückständig, wie es oft hingestellt wird.

Sie äußerten Hoffnungen auf positive Auswirkungen der Zweiten Afrika-Synode. Die Synode ist nun Ende Oktober zu Ende gegangen. Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
Sie war kommunikativer als andere Synoden. Wer sich aber Pro-Kondom-Statements erwartet hat, der war unrealistisch. Wir brauchen kleine Schritte um zu einem Ergebnis zu kommen. Mit Spannung erwarte ich, was der Papst als Abschlussdokument schreiben wird. Immerhin ist er die offizielle Stimme unserer Weltkirche. Ich glaube aber, dass sich die Wahrheit durchsetzen wird und die Liebe Gottes, weil alle in der Kirche das wollen.

Wenn sich Missionare für Änderungen in der kirchlichen Sexualmoral einsetzen oder gar Kondome verteilen, gefährden sie ihre Einsätze, ihre Jobs. Was sollen diese Missionare Ihrer Meinung nach machen?
Jeder soll Entscheidungen treffen, die den Menschen helfen und helfen, die Liebe Gottes zu verkünden. Man muss sich morgens in den Spiegel schauen können. Es gibt hier kein Allgemeinrezept, weil nicht jeder gleich viel Kritik verträgt. Eines ist klar: Wer für bahnbrechende Entwicklungen in der Kirche ist, bekommt häufig zuerst eine auf die Nase. Mutige Menschen wie Majella Lenzen (Anmerkung: eine Ordensschwester, die Kondome verteilt hat und dafür aus ihrem Orden gedrängt wurde: siehe unten) sind es aber, die irgendwann von der Kirche anerkannt werden. Leider immer sehr, sehr spät.

Sie haben südafrikanische Politiker wiederholt kritisiert, weil sie den Zusammenhang zwischen HIV und Aids ignorieren. Wie ist Ihr Verhältnis heute zur Politik?
Die Aussagen von Politikern, dass Duschen oder Rote Beete (Anm.: Rote Rüben) essen gegen Aids helfen könnten, das waren wirklich Katastrophen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass mich die Politik viel eher als Gesprächspartner akzeptiert als die Kirche. Immerhin ist unser Hope-Projekt einzigartig. Ich fände es wichtig, dass man dieses Netzwerk nutzt anstatt draufzuhauen.

Haben Sie die Hoffnung, dass jemals ein Impfstoff gefunden wird, der die HIV-Pandemie ausrotten kann?
Es gibt viele interessante Ansätze. So hat es die Forschung vor Kurzem geschafft, schlafende HIV-Partikel-Reservoirs mit Reagenzen quasi aufzuwecken und zu eliminieren. Schlafende HI-Viren waren ja bis jetzt der Grund, weshalb man das HIV nicht besiegen konnte.
 
Eine Impfung in den nächsten fünf bis zehn Jahren ist aber unwahrscheinlich?
Durch die Weltwirtschaftskrise und die Kriege in Afghanistan und Irak sind Gelder aus der HIV-Forschung abgezogen worden. Die Dinge werden allmählich langsamer, viele Pharmakonzerne steigen aus dem konfliktreichen Feld aus. Da muss sich vieles tun, damit wir mit erneuter Energie in die Forschung gehen. Damit eine Impfung entwickelt werden kann, müssen wir sehr viel Glück haben. Das wäre ein Wunder. Natürlich gibt es Wunder, das kennen wir ja von der Kirche her.

Beten Sie für die Ausrottung von HIV und Aids?
Nicht im dem Sinn ,,Oh Herr lass HIV und Aids verschwinden“. Diese Art von Bittgebeten mag ich überhaupt nicht. Ich bete für konkrete Menschen und Situationen. Da kommt bei mir natürlich HIV und Aids sehr oft vor.
Das Interview in voller Länge findet sich unter: www.kirchenzeitung.at

Entlassung wegen Kondomen

Wenn sich Missionare für den Gebrauch von Kondomen einsetzen, hat das Folgen. Das zeigt der Fall der Nonne Majella Lenzen, die die Aids-Arbeit in Tansania koordinierte. Als sie eine Hilfsorganisation begleitete, die zur HIV-Prävention Kondome an Prostituierte verteilte, wurde sie aus dem Orden entlassen.

Buch_Majella LenzenLenzen hat ein Buch über ihre Erfahrungen verfasst (Titel: „Das möge Gott verhüten“). Darin schreibt sie:  „Es ist klar, dass Kondome nicht die einzige Lösung sind. Aber sie sind eine Hilfe, und das sollte von der Kirche anerkannt werden, wenn sie sich nicht weiter unglaubwürdig machen will. (...) Macht ein  Kondomverbot nicht mitschuldig?“ Lenzen hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben, weil sich „nie etwas ändert, wenn alle schweigen“. Sie hofft auf eine dialogfähigere katholische Kirche.

Majella Lenzen, Das möge Gott verhüten. Warum ich keine Nonne mehr sein kann. 
Du Mont Verlag,  erschienen 2009.

aus dem Kirchenblatt Nr. 48 vom 29. November 2009