Zwischen Angst und Hoffnung - Klaus Gasperi berichtet über die jahrelange Odyssee der Flüchtlingsfamilie Durmisi.

„Ich habe dich im Fernsehen auf RAI Uno gesehen”, ruft ein Bruder aus Italien an. Für kurze Zeit rückt Röthis in den Mittelpunkt des Interesses. Doch der „Fall Durmisi“ ist nur ein Beispiel von vielen für die schwierigen Schicksale, die mit den Themen Migration und Asyl verbunden sind.

Rasch 80 kg Gepäck für die ganze Familie zusammenraufen, und dann noch schnell den Geschirrspüler verkaufen. Aus München ist die Mutter angereist, um allfällige Überbleibsel mitzunehmen, dann folgt das Warten. Alles ist ganz anders in dieser Nacht. Nur die Kinder schlafen fest, Gott sei Dank.

Natürlich, lange genug hatte man gewusst, dass es so kommen könnte.
Schon im September war der Asylantrag abgelehnt worden. Aber irgendwie wollte man es nie wahrhaben. Das wird schon werden, hieß es oft tröstend. Es fehlen nur noch ein paar Formalitäten. Und daran hatte man sich eben geklammert, jahrelang.
Bei der ersten Verhandlung hatte der Richter gesagt, es wäre nun alles in Ordnung. Man würde in ein paar Wochen den schriftlichen Bescheid bekommen. Aber dann war der Richter überraschend an einem Herzinfarkt verstorben. Und die Verhandlung begann von vorne. Inzwischen hatte es irgendwie „von oben runtergedrückt”, meint Kerstin Vogg.

Improvisierter Widerstand.
„Auch ungerechte Gesetze sollen vollzogen werden?”, fragt  Kerstin Vogg in dieser Nacht, als die Beamten vor der Türe stehen. Mittlerweile sind etwa 40 Menschen da auf dem Balkon. Alles sei irgendwie von selber gegangen, habe sich eben herumgesprochen. Jemand zündet Kerzen an, ein anderer ruft den Bürgermeister. Norbert Mähr weiß um die Familie, er hat schon aus dem Kindergarten über sie gehört. Die Leute sind einigermaßen integriert, so weit das eben geht, wenn man nicht arbeiten darf, einen anderen Glauben hat, jedes Jahr woanders wohnt: Salzburg, Nenzing, Klaus, Röthis, das alles klingt nach einem nicht gerade lustigen „Pilgerweg”. Man habe in ein deutschsprachiges Land gewollt, denn Elvis sei in München zur Welt gekommen, erklärt Anela Durmisi in gutem Deutsch. Mit 16 wurde er in den Kosovo zurückgeschickt, als man ihn dort zur Armee einziehen wollte, sei er wieder geflüchtet.

Sterbende Dörfer.
Und überhaupt, die Minderheit der Gorani, sie stünde zwischen den Fronten, zwischen den Serben und den Albanern. „Von 200 Häusern in unserem Dorf sind nur noch 20 bewohnt. Einzig die Alten blieben zurück”, sagt Anela. Zu Fuß gingen sie mit dem Baby über die Berge nach Serbien, dort wurden sie in den Lastwagen verladen und nach Österreich gebracht. Dort habe man sie  alle verteilt und irgendwo abgesetzt. Jemand habe noch gesagt: „Da um die Ecke ist die Caritas.” Zum Glück konnte Elvis schon Deutsch.Norbert Mähr, Bürgermeister Röthis

Menschlich problematisch: Er habe in dieser Nacht nicht so sehr an die Gesetze gedacht, gesteht Norbert Mähr, der Bürgermeister (re). Ein solcher Fall sei ihm noch nie untergekommen. Delogierungen aus finanziellen Gründen, das gebe es gelegentlich, und in solchen Situationen habe er auch schon schlaflose Nächte gehabt. „Wie ich die Kinder sah, dachte ich, wenn man die jetzt aus dem Schlaf reißt, das ist ja wie im Krieg”, sagt Norbert Mähr. Und er gibt zu bedenken: „Auch für die Kinder des Kindergartens ist das eine schwierige Situation, wenn ein Kind aus der Gruppe plötzlich weg ist, über Nacht.”

Begleitung durch die Caritas. „Unsere Beamten bemühen sich sehr, solche Situationen human und korrekt durchzuführen”, betont Dr. Gernot Längle von der BH Feldkirch. Auch die „Demonstranten” bescheinigen den Polizisten eine hohe soziale Kompetenz. Faktum ist: Seit dem negativen Asylbescheid im September hätte die Familie Durmisi ausreisen müssen. Schon damals ist Anela, die Tochter, im Kindergarten plötzlich nicht mehr aufgetaucht. Die Behörde steht nun unter Zugzwang. Man habe gemeinsam mit der Caritas nach Lösungen gesucht, erklärt Dr. Längle, und er sei davon ausgegangen, dass die Familie letztlich freiwillig abreise. In solchen Fällen gebe es auch eine Starthilfe vom österreichischen Staat. An diesem Tag gab es ab Zürich zwei Flüge in den Kosovo, morgens und abends. „Wenn man aber am Abend fliegt, kommt die Familie erst nachts im fremden Land an”, erläutert Dr. Längle die Problematik.
2009 kam es in Vorarlberg zu 59 Abschiebungen und 130 „freiwilligen” Ausreisen.

Quälende Ungewissheit. Grundsätzlich besteht das Problem darin, dass die Asylverfahren so lange dauern. Im Fall der Familie Durmisi bleibt nun der negative Asylbescheid weiter aufrecht. Und damit auch die jahrelange Ungewissheit.

Julia ProfunserJulia Profunser (Kindergartenleiterin):
Hier geht es doch um Kinder! Aneta besucht seit einem Jahr den Kindergarten. Sie fühlt sich hier sichtlich wohl, spricht fließend Deutsch, ist gut integriert. Bitte teilen Sie uns mit, was wir tun können, um der Familie zu helfen. Bei Erwachsenen mag es ja anders sein, aber hier geht es um Kinder!

Martin FellacherMartin Fellacher (Caritas):
Eine humanere Gesetzgebung ist nötig.  Nur durch die Zivilcourage der Freunde konnte diese Familie (vorläufig?) bleiben. Viele Menschen zeigen Empörung darüber, wie man mit einer so gut „integrierten“ Familie umgeht. Bei Verfahren, die mehr als drei Jahre dauern, sollten die Betroffenen bleiben dürfen.

Norbert Mähr-gespiegeltDI Norbert Mähr (Bürgermeister Röthis):
Eine Zuständigkeit vor Ort ist hier nötig. In solchen Situationen braucht es eine Zuständigkeit im Land. Man kann doch nicht einfach alle Fälle über einen Kamm scheren. Und bei einer Familie, die schon so lange da und gut integriert ist, sollte eine humane Lösung möglich sein.

Amrei RüdisserAmrei Rüdisser (Freundin):
Was soll ich denn sagen, wenn meine Kinder fragen: Wo sind unsere Freundinnen jetzt? Und warum sind sie weg?

ZUR SACHE

Die Gorani
leben im Berggebiet im südlichsten Kosovo an der Grenze zu Albanien. Sie gelten als gefragte Köche. Ihre Sprache ähnelt dem Mazedonischen. Das Zentrum der Gorani ist die Gemeinde Dragas, in der früher ausschließlich Goranis wohnten.  Inzwischen wird Dragas von Albanern verwaltet.

Der Minderheitenschutz  gilt im Kosovo als problematisch. Da die Gorani oft kein Albanisch sprechen, sei es für sie schwierig, sich im Kosovo zu integrieren. Die Arbeitslosigkeit in den goranischen Gemeinden beträgt 98%, offizielle Stellen weisen aber darauf hin, dass es Busverbindungen nach Serbien gibt, die ein Arbeiten im Ausland ermöglichen.

(aus KirchenBlatt Nr.9 vom 7. März 2010)