Wir erleben es jeden Tag, in Unternehmen, in der Politik, in Beziehungen: wir reden aneinander vorbei, hören uns nicht zu, wissen genau was Sache ist und wie Probleme gelöst werden müssen. Der Dialog ist ein Weg zu einer anderen Form des Miteinanders. In St. Arbogast gibt es seit fünf Jahren ein Dialogprojekt, das regelmäßig zu Seminaren, Forschungsgruppen und Dialog-Foren einlädt. Das KirchenBlatt sprach mit den beiden Initiatoren Josef Kittinger und Christian Hörl.

Dietmar Steinmair

Hier das Interview in voller Länge

KirchenBlatt: Wie kam der „Dialog“ nach St. Arbogast?
Christian Hörl: Die Organisation „Friedenskraftwerk“, für die ich tätig bin, hat 2003/2004 die „Vorarlberger Friedensdialoge“ hier in St. Arbogast organisiert. Im Anschluss hat mich Josef Kittinger gefragt, ob wir uns gemeinsam Gedanken über ein Dialogprojekt St. Arbogast machen könnten. Das haben wir 2005 getan. Im Sommer 2006 haben wir ca. fünfzig Leute zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Wir haben von Anfang an im Rahmen des Dialogprojekts drei Angebote gemacht: Erstens miteinander lernen – in Seminaren. Zweitens miteinander forschen – in einer Forschungsgruppe. Und drittens Zukunfts-Dialoge führen.

Warum wurde gerade St. Arbogast gewählt?
Christian Hörl: Für mich ist Arbogast ein Ort, an dem man Menschen sehr offen begegnet. Das ist eine Grundhaltung, die auch der Dialog erfordert. Der Dialog ist eine uralte Methode, wie Menschen miteinander ins Gespräch kommen. In jüngerer Zeit ist das durch Martin Buber und den Quantenphysiker David Bohm aufgegriffen worden. Josef Kittinger: Wir haben bereits seit fünfzehn Jahren in unserem Leitbild stehen, dass Arbogast ein Ort des Dialoges und der Transformation ist, wo verschiedene Weltanschauungen respektiert werden und wir das als Bereicherung sehen. Die Idee von Christian Hörl und unser Wunsch, die Kultur des Dialoges in Vorarlberg auch ausdrücklich zu kultivieren, haben gut zueinander gepasst.

Wie hat sich das Dialogprojekt entwickelt?
Josef Kittinger: Der Dialog selbst wächst unspektakulär, weil er nicht mit großen Ergebnissen auftrumpft, sondern auf die Wirkung dessen vertraut, was nicht festgeschrieben ist. Der Dialog bringt etwas in Fluss. Er bringt Menschen zusammen.

Worin unterscheidet sich Ihr Dialogverständnis vom umgangssprachlichen Gebrauch?
Josef Kittinger: Dialog ist mehr, als wie wenn zwei miteinander reden. Es geht hier um den „lógos“, den Sinn, der zwischen uns und durch uns hindurch („diá“, Anm.) fließt. Das Wichtigste im Unterschied zum Alltagsgebrauch sind bei uns die Grundhaltungen. Radikalen Respekt haben. Die Haltung eines Lernenden, nicht eines Wissenden einnehmen. Von Herzen sprechen, also nicht etwas herunterladen, das man schon gedacht hat, sondern frische Empfindungen und Gedanken einbringen. Dann: wirklich zuhören, nicht schon weiterdenken, wenn jemand ein Argument bringt. Und schließlich: eine feste Annahme suspendieren, das heißt die Urteile und Bewertungen, die wir alle haben und die die Kommunikation trocken machen, wahrnehmen.
Christian Hörl: Es entspricht dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen, dass man sozusagen ein Kastl bildet und die anderen irgendwohin versorgt. Im Dialog geht es darum, seine eigene Meinung loszulassen im Wissen, dass sie eine von vielen Meinungen ist. Ich verteidige hier meine Meinung nicht so wie in der Diskussion, wo es gilt, sich durchzusetzen, sondern ich stelle sie zur Verfügung.
Bei einer Diskussion möchte man am Ende meist ein konkretes Ergebnis haben.

Was ist im Dialog das Ziel?
Christian Hörl: Der Dialog hat das Ziel, das Potential der Anwesenden zum Leuchten zu bringen. Es gibt in Diskussionen oft Situationen, wo der erste Chef achtzig Prozent redet und die anderen nur mehr zehn Prozent. Da können gewisse Potentiale nicht in den Raum kommen. Durch das „Von-Herzen-sprechen“ und „Sich-kurz-halten“ im Dialog kann das Potential aller gehoben werden, um miteinander mehr vom Ganzen zu erkennen. Oft scheint ein Begriff klar zu sein, aber zehn Leute haben zehn unterschiedliche Erfahrungen und Annahmen dazu. Die kann man im Dialog gegenseitig zur Verfügung stellen.
Josef Kittinger: Der Dialog ermöglicht, dass unser Denken geöffnet wird, unser Fühlen sich öffnet und auch unser Wille. Ohne vorgefasstes Ziel kann sich in dieser Offenheit etwas Neues zeigen. Die Zukunft ist oft zugeschüttet mit dem, was wir aus der Vergangenheit kennen. Der Dialog öffnet hier ein Aufmerksamkeitsfeld dafür, was durch uns und zwischen uns in die Welt kommen will. Insofern ist der Dialog eine ganz kreative Form des Gespräches. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ein „Vertrauensgefäß“ entsteht, dass es also kein Gegeneinander ist. Der Dialog ist das offene Gespräch am Ende der Diskussion.

Wie läuft ein Dialog konkret ab?
Josef Kittinger: Der Dialog, wie wir ihn hier üben, schaut so aus, dass man im Kreis sitzt, also auf Augenhöhe, und dass es ein Redesymbol in der Mitte gibt. Wer etwas sagen möchte, holt das Redesymbol, und die anderen hören zu. Es gibt keine Gesprächsleitung, sondern der Redefluss bekommt einen Raum durch diese ganz einfache Anordnung. Nach einer bestimmten, vereinbarten Zeit ist der Dialog zu Ende. Im Gespräch ist man eingeladen, aufeinander Bezug zu nehmen oder Verbindungen herzustellen, oder man kann auch einen ganz neuen Einfall einbringen, wenn er denn lebendig ist und von Herzen kommt. Es geht im Dialog nicht darum, sich darzustellen oder sich zu präsentieren, sondern zu erzählen - das ist der große Unterschied. Dann ist es nicht mehr die Frage von richtig und falsch oder recht haben, sondern hier gilt, was Rumi sagt: „Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, da treffen wir uns.“
Christian Hörl: Der Redegegenstand geht immer wieder in die Mitte, weil die Gedanken aus der Mitte kommen. Es ist im Grunde genommen alles schon da. Es geht nur darum, eine Beziehung zu dem aufzunehmen, was schon da ist.

Wie wichtig ist beim Dialog ein gestelltes Thema oder geht es mehr um die Transformation der Teilnehmer selbst? Sind Abschweifungen vom Thema häufig?
Josef Kittinger: Es gibt mindestens zwei Grundformen von Dialog. Das eine ist der „strategischer Dialog“, dass man sich also ein Thema wählt. Dann gibt es den völlig offenen Dialog, den „generativen Dialog“. Der generative Dialog ist wirklich eine Möglichkeit, eine Zeit und einen Ort zu vereinbaren, wo etwas auftauchen kann, was schon lange entdeckt werden will.
Beim themenzentrierten Dialog gibt es natürlich Abschweifungen. Aber Abschweifungen sind höchst interessant im Unterschied zur strengen Diskussionsführung. Wenn wir uns nämlich den vorher erwähnten Haltungen entlang bewegen, dann führt uns der freie Sinnfluss, der Heilige Geist, zu dem lebendigen Ort, zu den wirklichen Fragen oder zu den wirklichen Blockaden des Themas. Das gelingt nicht immer. Es ist eine Kunst die wir üben müssen, die man aber üben kann. Insofern ist es mitunter gut, vom Thema abzukommen.
In anderen Kontexten muss man fokussiert bei einem Thema bleiben, um dann Entscheidungen zu treffen. Der Dialog schafft gute Grundlagen für Entscheidungen, sowohl auf der persönlichen Ebene, weil alle beteiligt sind, als auch dadurch, dass die ganze inhaltliche Frage weiter ausgelotet wird als auf der logischen, diskursiven Ebene.
Christian Hörl: Ich finde das eine schöne Frage. Ich glaube, dass es letztlich mehr um die Transformation der Teilnehmenden geht, dass sie selbst offener und weiter werden. Dass sie sehen, dass alles in allem drinnen steckt, alles mit allem verbunden ist. Es ist eine wunderbare Grundlage zum Zusammenarbeiten, wenn ich nicht immer nur bei mir bin, sondern in die Weite gehen kann.
Josef Kittinger: Um es spirituell oder theologisch zu sagen: Es ist das Sich-Öffnen dafür, was der Geist uns sagen will. David Bohm nennt das den freien Sinnfluss zwischen uns. Der Heilige Geist ist ja das Dazwischen. Im Dialog öffnen wir uns diesem heiligen Raum zwischen uns, wo die Schöpfung passiert.

Die Lehrgebäude von Religionen sind meistens sehr strukturiert und diskursiv zu beschreiten. Es gibt nicht wenige Religionen mit einem absoluten Wahrheitsanspruch. Gibt es für die Kommunikationsform Dialog einen Platz im Gespräch der Religionen?
Josef Kittinger: Der Dialog der Religionen läuft heute ja vor allem auf einer akademischen oder Funktionärs-Ebene ab. Da meint man dann, dass man Konzepte austauscht und versucht, die Welt- und Gottesvorstellungen des anderen zu verstehen oder die Unterschiede zu sehen. Das ist die Ebene des Denkens. Im Dialog kann ich jedoch feste Annahmen loslassen und mich in der Schwebe des Lebendigen halten. Das heißt nicht, dass ich jetzt meine Meinung aufgebe, aber ich relativiere die feste Annahme. Wenn wir uns wirklich existentiell austauschen, von Herzen, also von unseren Erfahrungen sprechen und nicht nur von unseren Konzepten und Gedanken, dann rechne ich damit, dass ich von meinem Gegenüber etwas ganz Neues erfahren kann. Das dann auch mein Konzept belebt, vielleicht auch verändert.
Der Dialog ist für mich eine wunderbare Möglichkeit - auch in der Ökumene -, zu erfahren, wie viel uns verbindet und wie doch unterschiedlich und individuell jeder Einzelne, jede Einzelne ist. Und letztlich auch zu erfahren, dass es „nur einen Gott gibt“.
Christian Hörl: Der Dialog ist auf jeden Fall die Möglichkeit, gemeinsam die Erfahrung zu machen, in Kontakt zu diesem Urgrund zu kommen. Nach einem Dialog geht man dann hinaus, aber die gemeinsame Erfahrung wird auch in die Zukunft die Begegnung zwischen diesen Menschen beeinflussen. Es wird nicht mehr das Gleiche sein wie vorher.

ZUR SACHE

5 Jahre Dialogprojekt in St. Arbogast

Das Dialogprojekt Arbogast startete im Herbst 2006 mit den drei Schwerpunkten Lernen - Forschen - Zukunftsdialoge und hat in den vergangenen fünf Jahren über 1.800 Teilnehmer/innen erreicht. Zum Jubiläum gibt es nun zwei Veranstaltungen.

Was heißt hier Dialog? - Einführung in die Kommunikationsform Dialog.
Welche Wurzeln hat der Dialog und was unterscheidet ihn von der Diskussion? Welche Kernfähigkeiten und Kompetenzen bringen ihn zum Fließen. Welche Dialoginstrumente und Dialogformen gibt es? Leitung: Christian Hörl, Lauterach, Begleiter in Entwicklungsprozessen.

Di 4. Oktober, 18 - 22 Uhr

Vom gegeneinander Reden zur Kunst des Dialogs - 5 Jahre Dialogprojekt Arbogast - Dialoge, Musik, Fest.
Moderiertes Gespräch mit Gästen, Dialogkreise, Vorstellung einer Internet-Plattform, spezielle musikalische Dialogreisen, Buffet und gemeinsame Gespräche. Gäste: Christina Jacoby, Leiterin Kunstvermittlung im Kunstmuseum Liechtenstein; Helga Repnik, Lehrerin VS-Markt, Götzis; Wilfried Bertsch, Leiter Abteilung Raumplanung im Amt der Vorarlberger Landesregierung; Emanuel Schinnerl, Geschäftsführer Fa. Tectum, Hohenems; Josef Kittinger, Leiter Bildungshaus St. Arbogast, Götzis. Musik: Tanja Smitran und Goran Kovacevic, Gesang und Akkordeon.

Fr 7. Oktober, 16.15 Uhr - mit open end

Infos und Anmeldungen
T 05523 62501-28
E-Mail: arbogast@kath-kirche-
vorarlberg.at,
www.arbogast.at

(Aus KirchenBlatt Nr. 39 vom 2. Oktober 2011)