Kurzweilig, erhellend und nah am Schulalltag. So präsentierten zwei Schulentwickler - Ingrid Teufel und Andreas Müller - im Rahmen des Projektes "Weiterentwicklung der Schule der 10- bis 14-Jährigen“ ihre Formen des Lernens und Lehrens.

Patricia Begle

Rund 130 Interessierte aus Schule und Politik trafen sich am vergangenen Freitag an der Pädagogischen Hochschule in Feldkirch zum Bildungssymposium „Starke Persönlichkeit - starke Leistung!“, zu dem das Land Vorarlberg einlud. Wer hinter dem Wort „Leistung“ gute Noten vermutet, irrt. „Leistung“ bedeutet hier vielmehr, das Leben zu meistern.

Beziehung
Was es dazu braucht? Selbstgestaltungskompetenz. Andreas Müller, der dieses Wort in den Raum stellte, leitet das Institut Beatenberg im gleichnamigen Ort in der Innerschweiz. Die Klassenzimmer an seinem Institut gleichen einem Großraumbüro. Die Lernenden sind jahrgangsgemischt und widmen sich ihren Aufgaben - allein oder gemeinsam. Unterstützt werden sie von einem persönlichen Coach. Dieser ist weder Freund noch Ersatzelternteil noch Begleiter, sondern „Activator“, er hat also aktivierende Funktion, um den Lernenden von hier nach da zu bringen. Grundsätzlich ist Müller überzeugt: „Es gibt kein Lernen ohne Beziehung.“

Vielfalt
Jahrgangsgemischt sind auch die Klassen in der „Lerngemeinschaft 15“ in Wien. Seit 13 Jahren arbeitet Ingrid Teufel an der Entwicklung dieser Schule, die heute die erste bis achte Schulstufe umfasst. Begonnen hat die engagierte Lehrerin mit einer Integrationsklasse, sie wollte Schüler „aller Begabungen“ in ihrem Klassenzimmer haben.
Heute sitzen in den mittlerweile drei Stammklassen Hochbegabte und Sonderschüler, Verhaltensoriginelle und Kinder ohne besondere Bezeichnung. Die Lehrpersonen sind für Volks-, Mittel- und Sonderschulen ausgebildet - auch AHS-Lehrer/innen gehören zum Lehrkörper. Das bemerkenswerte ist, dass es sich um eine öffentliche Schule handelt.

Vertiefung
Gelernt wird an der Wiener Schule in sogenannten „Lernnetzen“. Das heißt, dass „alle miteinander und voneinander an einem gemeinsamen Thema arbeiten, jedes Kind auf seinem Niveau und in seinem Tempo“, erklärt Teufel. „Sie haben drei bis fünf Wochen Zeit zum Vertiefen.“ Diese Form wird der großen Vielfalt der Lernenden gerecht, die typisch für die Klassenzimmer von heute ist. Die Heterogenität der Lernenden war auch für Andreas Müller einer der Hauptgründe, seine Schule an den einzelnen Lernenden auszurichten. Nach dem Alter wird in Beatenberg nie eingeteilt. „Nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichen“, zitierte er den Psychologen Paul F. Brandwein.

Identifikation 
„Lernen bedeutet, aus etwas Fremdem etwas Eigenes zu machen, und zwar weil es irgendwie Spaß macht, weil es cool ist, etwas zu verstehen“, erklärt der Bildungsexperte und Autor zahlreicher Bücher. Für ihn gibt es drei Grundbedingungen für erfolgreiches Lernen: Der Lernende muss sich als kompetent erleben, sozial eingebunden sein und über Autonomie verfügen, also Spielräume haben. Müller beschreibt zwei Arten, auf Lerninhalte zu reagieren: Widerstand und Identifikation. „Je geringer die Identifikation, umso größer der Widerstand“, erläutert er den Zusammenhang. „Gegen Widerstand können wir nichts tun. Unsere Aufgabe ist: Identifikation stiften.“

Überholt?
Dem Schulsystem mit Jahrgangsklassen und Fachunterricht, das vielerorts noch praktiziert wird, kann der Schweizer Pädagoge nichts abgewinnen. Schließlich stamme es  in der Eidgenossenschaft aus dem Jahr 1829. Schon die Ferienzeit zeige, dass es überholt ist. Kinder müssen heute nicht mehr bei der Ernte helfen. „Wir leben heute in einer komplett anderen Welt.“ Müller zitiert dazu ein indianisches Sprichwort: „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab!“ «

www.institut-beatenberg.ch
www.lerngemeinschaft15.at