Welt der Religionen von Aglaia Poscher-Mika: Manches muss man unter der Oberfläche suchen...

Geschätzte Leserinnen und Leser,

ein Stück des Weges sind wir nun gemeinsam gegangen. Seit Mai 2016 durfte ich regelmäßig die Kolumne „Welt der Religionen“ schreiben. Wie immer, wenn man sich an eine größtenteils unbekannte Leserschaft wendet, geht man ein Risiko ein: Welche Menschen werden meine Texte lesen? Empfinden sie dabei Zustimmung oder Ablehnung? Sind meine Gedanken nachvollziehbar? Immer wieder durfte ich durch Rückmeldungen erfahren, wie die Themen aufgenommen wurden, und dass sich auch ungewohnte Sichtweisen lohnen. Außerdem durfte ich beim Schreiben spüren, wie viel Hoffnung es gibt für unsere pluraler werdende Gesellschaft - und wie viele Gemeinsamkeiten man findet zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Dass man dafür meist unter der Oberfläche suchen muss, hat uns bereits Antoine de Saint-Exupery in seiner Erzählung vom „Kleinen Prinzen“ nahegelegt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Begegnungen auf Augenhöhe

Blicken wir also nicht auf unterschiedliche Bräuche und Formalitäten, wenn wir uns unseren Nachbarn nahe fühlen wollen: Eine lebenswerte Zukunft können nur alle Menschen gemeinsam beginnen, indem sie sich auf Augenhöhe begegnen - egal, wer zuerst auf dem Boden unter all den verschiedenen Füßen gestanden ist. Damit Ausgrenzung ein Ende findet und Inklusion tatsächlich stattfinden kann, sind alle Menschen gefordert: Menschen mit Migrationshintergrund sollen natürlich Interesse zeigen, sich einzubringen und sich in gewissem Maß auf eine neue Kultur einlassen. Aber auch die Mehrheitsgesellschaft soll Menschen nicht länger ein Gefühl von Fremdsein geben, sondern sie ohne großen Erklärungsbedarf einlassen.
Jüngste wissenschaftliche Umfragen in Österreich zeigen, dass Religiosität zur Offenheit beiträgt: Die Ablehnung von Fremden sei unter Gläubigen weniger stark verbreitet. Schön, wenn hier sichtbar wird, dass die christliche Botschaft der bedingungslosen Nächstenliebe ihre Spuren hinterlässt.

In diesem Sinne darf ich Ihnen weiterhin neue Blickwinkel auf die Vielfältigkeit des Lebens wünschen. Ich verabschiede mich für ein Weilchen - aus erfreulichen Gründen - in meine zweite Karenzzeit. «

Aglaia Mika, SopranAglaia Poscher-Mika, MMA
Beauftragte der KatholischenKirche Vorarlberg
für den Interreligiösen Dialog;
Musiktherapeutin, Sängerin, Stimmbildnerin.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 49 vom 5. Dezember 2019)