Dr.in med. Susanne Hirsmüller und Dipl.-Psychologin Margit Schröer berichten bei einer Veranstaltung in Batschuns über ihre Faszination für Todesanzeigen. Susanne Hirsmüller ist Leiterin des Hospiz am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf und Vorsitzende des Ethikkomitees der Stiftung EVK Düsseldorf. Margit Schröer, ebenfalls aus Düsseldorf, ist Psychotherapeutin mit langjähriger Erfahrung in verschiedenen Ethikkomitees. Beide Fachfrauen sind im Land vor allem durch ihre Vorträge zum Thema „Palliativ care“ bekannt und wenden sich in dieser Veranstaltung an ein breites Publikum. Im KirchenBlatt-Interview sprechen sie über ihre Beschäftigung mit über 35.000 Todesanzeigen.

Daniel Wütschert / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Wolfgang Ölz

Was fasziniert Sie an Todesanzeigen?
Uns fasziniert, wie mit wenigen Worten, manchmal einigen Sätzen versucht wird, das gesamte Leben eines Menschen, seine Persönlichkeit, seine Verdienste, sein Glaube bzw. sein Unglaube, die Trauer und andere Gefühle der Nahestehenden auszudrücken. Wenn man Todesanzeigen zu lesen weiß, er-fährt man dadurch viel über die verschiedenen Einstellungen zum Leben und zum Tod.

Seit wann gibt es Todesanzeigen in unserem Kulturkreis?
Wir wissen es von Deutschland - die (wahrscheinlich) erste Todesanzeige erschien 1753 im Ulmer Intelligenzblatt und zeigte unter den Geschäftsanzeigen den Tod eines Kaufmanns an. Wegen seiner Geschäftsbeziehungen mussten Partner und Kunden über sein Ableben und eventuell Weiterführung seines Handels unterrichtet werden. Bis dahin und auch später gingen die „Leichenbitter“ oder „Leichenhühner“ (Schweiz) als Todesboten in Dörfern oder Kleinstädten von Haus zu Haus, gaben den Tod eines Mitmenschen bekannt und luden zur Bestattung und dem „Leichenschmaus“ ein. Diese persönliche Form gab es in manchen Gegenden noch bis ins 20. Jahrhundert.

Wann ist eine Todesanzeige geglückt?
Susanne Hirsmüller und Margit SchröerSusanne Hirsmüller und Margit Schröer: Man könnte locker sagen: Wenn alle - Verfasser und Adressaten - zufrieden mit dem Gesamtbild und der Wortwahl sind. Im Einzelnen hängt dies von der Einstellung und vom Geschmack der Verfasser als auch von dem/der Adressaten ab. Wenn die Verfasser der Anzeige positive Rückmeldungen und Anteilnahme von den Mitmenschen erhalten und auch noch einige Zeit später im eigenen Rückblick zufrieden sind, kann man von einer geglückten Anzeige sprechen.
Andererseits provozieren manche Verfasser und wollen mit ihrer Anzeige z. B. Rache nehmen, indem sie negative Eigenschaften des Verstorbenen hervorheben. In ihren Augen haben sie ihr Ziel erreicht, verstören aber die Leser. Diese sind jedoch selten.

Gibt es eine rote Linie der Pietät, und wenn ja, wo würden Sie diese ziehen?
Hier wird für uns persönlich eine unausgesprochene Norm übertreten: Wenn wir die Aufgaben einer Todesanzeige wie oben definieren, so gehört es in unseren Augen nicht dazu, in ihr Beziehungskonflikte, Familienkrach, persönliche Rachegedanken und ähnliches in die Öffentlichkeit zu tragen und über die Zeitungs- bzw. Internetmedien zu verbreiten.

Was empfehlen Sie jemanden, der über den eigenen Tod nachdenkt und sich fragt, was für eine Todesanzeige er verfassen möchte?
Bestatter und Zeitungen haben sogenannte „Musterbücher“ mit vielen Vorlagen. In den Tageszeitungen sind neben den sehr konventionellen immer mehr individuell gestaltete und formulierte Anzeigen zu finden. Wer ernsthaft über seine eigene Anzeige nachdenkt, findet hier sehr viele Anregungen. Weiter kann der Verfasser - ausgehend von diesen Vorlagen - diese für sich so verändern, dass die Todesanzeige zu seiner Person und seinen Einstellungen passt, sodass das gedruckt und mitgeteilt wird, was ihm persönlich wichtig ist.
Hierzu passen die Erfahrungen einer Angehörigen: Nach dem Tod ihres Mannes war bei Frau M. die Idee gereift, eine Todesanzeige für sich selbst zu verfassen. Sie entwarf für sich eine erste Todesanzeige, nach einiger Zeit sogar noch eine zweite. Sie findet beide auch heute noch gut und passend für sich. Sie möchte ihre Kinder nach ihrem Versterben in dieser schwierigen Situation entlasten, da diese dann nur noch die Wahl zwischen zwei fertigen Alternativen hätten.

Mehr dazu

Kultur und Faszination von Todesanzeigen. Mit Dr.in med. Susanne Hirsmüller und Dipl.-Psychologin Margit Schröer. Im Anschluss Möglichkeit zur Begegnung im Kaminzimmer. Eintritt: Freiwillige Spenden für das Bildungshaus. Anmeldung erbeten: T 05522 44290
E
Di 11. Juni, 19 bis 20 Uhr, Bildungshaus Batschuns.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 22 vom 6. Juni 2019)