Der Oktober ist in Rom wieder Synodenzeit: Ab 6. Oktober beraten Bischöfe, Ordensleute und Experten über Probleme und Herausforderungen im Amazonasgebiet. Warum das keine rein regional-bezogene Veranstaltung ist und was das für die Weltkirche bedeutet, wird hier in wichtigen Punkten analysiert.

Fragen & Antworten von Heinz Niederleitner

Wozu dient die Amazoniensynode?

In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Beratungsgremien für Entscheidungsträger. Die römische Bischofssynode ist als Institution nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden, auf dem die bischöfliche Kollegialität betont wurde. Auf den Sitzungen der Bischofssynode – gemeinhin selbst als Synode bezeichnet – beraten Bischöfe und Experten über vom Papst vorgegebene Themen. Entscheidungsbefugnisse hat die Synode in der Regel nicht. Man unterscheidet ordentliche und außerordentliche Synodenversammlungen (je nach Zusammensetzung). Daneben gibt es Spezialversammlungen, die sich nur mit einer Weltregion beschäftigen. Die Amazoniensynode ist eine solche Spezialversammlung: Es geht um die Bedrohungen und Herausforderungen der Menschen und der Umwelt im Amazonasgebiet Lateinamerikas sowie um die Frage, wie sich die Kirche darauf einstellt, also: Ökologie, Rechte der indigenen Völker, Kultur und Seelsorge.

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Was geht das die österreichische Kirche an?

Erstens: In unserer globalisierten Welt haben zahlreiche Probleme der Amazonasregion Verbindungen zu unserem Leben: wirtschaftlich-sozial (Ausbeutung versus fairer Handel), kulturell und ökologisch (Rohstoffhunger versus Zerstörung der für das Weltklima wichtigen Regenwälder). Die Auswirkungen des Klimawandels spüren wir bereits. Zweitens: Die Synode berät auch über neue pastorale Zugänge und mögliche kirchenrechtliche Änderungen. Deren Wirkung lässt sich langfristig wohl nicht auf eine Weltregion beschränken. Drittens: Zwei Teilnehmer der Synode sind Österreicher, nämlich der frühere Bischof von Xingu, Erwin Kräutler, und Christoph Kardinal Schönborn als Mitglied des Synodenrates.

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Fällt bei der Synode der Pflichtzölibat als Voraussetzung für die Priesterweihe? Und was ist mit den Frauen?

Über den Zölibat entscheidet der Papst. Es wird laut dem Arbeitspapier der Synode auf jeden Fall darüber beraten werden, ob verheiratete ältere Männer zwecks Sakramentenspendung vor Ort zu Priestern geweiht werden können. Dazu sind aber mindestens zwei Punkte zu beachten: Bei der Aufweichung der Zölibatsverpflichtung gibt es erstens eine (laut-)starke Gegnerschaft, wobei es aber die immer gleichen Kirchenmänner sind (zum Beispiel die Kardinäle Burke, Brandmüller, Sarah oder Müller). Auch Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, P. Karl Wallner, legte jüngst ein deutliches Plädoyer für den Pflichtzölibat ab. Zweitens sind kritische Wortmeldungen ernstzunehmen, wonach viele „westliche“ Teile der Kirche bei dem Thema vorrangig eigene Interessen im Blick haben und weniger die Anliegen der Amazonasregion, um die es an sich gehen sollte. Franziskus hat sich über den Zölibat bisher positiv geäußert, was aber nicht bedeutet, dass es daneben keine alternative Priester-Lebensform geben könnte.
Vorsichtig zu beurteilen ist, wie sich nach der diesbezüglich zurückhaltenden Jugendsynode die neue Bischofsversammlung der Frage nach der Rolle der Frauen in der Kirche zuwendet. Laut Arbeitspapier müsste die Kirche ein „offizielles Dienstamt bestimmen, das Frauen in der Kirche anvertraut werden kann“. Hier sind aber enormer Widerstand und wenig Fortschritt zu erwarten.

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Warum setzt Papst Franziskus so stark auf Synoden?

Zwei Familiensynoden, eine Jugendsynode und jetzt die Amazoniensynode: Franziskus hat in relativ rascher Folge die Bischöfe mit synodalen Fragestellungen beschäftigt. Er hat die Bedeutung der bischöflichen Kollegialität betont, gleichzeitig aber am Anspruch des Papstes, die Letztentscheidung zu fällen, festgehalten. Klar ist, dass seit Franziskus‘ Wahl auf Synoden freier und tabuloser als zuvor debattiert wird. Das mag auch daran liegen, dass Franziskus die Synodalität der Kirche auf den lateinamerikanischen Bischofsversammlungen selbst mitgestaltet hat. Zweifellos sind Synoden auch ein Ventil, um Frust und Verärgerung zur Sprache zu bringen. Dass an Franziskus von konservativer Seite viel offener Kritik geübt wird, als das zu Zeiten Benedikts XVI. und Johannes Pauls II. überhaupt denkbar schien, sieht der Papst nicht so negativ. Für gefährlicher hält er laut eigener Aussage jene, die hintenherum agieren, sich aber nicht trauen, ihm ihre Kritik offen zu sagen. Insgesamt dürfte sich Papst Franziskus von der Bedeutung des Wortes „Synode“ inspirieren lassen: „Gemeinsamer Weg“ – und auf diesem will Franziskus möglichst viele mitnehmen.

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Wer nimmt an der Synode teil und wer darf dort abstimmen?

Die Teilnehmerliste umfasst rund 280 Personen. Allerdings finden sich darunter auch Expert/innen, Auditor/innen (Hörer) und Gäste. Über Inhalte abstimmen dürfen nur 185 Männer. Das sind vor allem Bischöfe und ein paar männliche Ordensobere. Natürlich kann man argumentieren, die Veranstaltung heiße ja „Bischofssynode“. Aber eine andere Frage ist, ob man es sich im 21. Jahrhundert leisten kann, bei Gremienabstimmungen auf Frauen zu verzichten. Schon das Abschlussdokument der Jugendsynode hatte das kritisiert.

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Was passiert nach der Synode?

Am Ende steht das Synodenschlussdokument, über dessen Inhalte einzeln von den Berechtigten abgestimmt wird. Im Sinne der Transparenz hat Franziskus diese Dokumente bisher stets zeitnah veröffentlichen lassen – inklusive der Abstimmungsergebnisse. Da die Synode aber nur ein Beratungsgremium ist (siehe die Antwort auf die erste Frage), stellt das Abschlussdokument nur eine Zusammenfassung samt Stimmungsbild dar. Unwichtig ist es dennoch nicht: Von diesem Material ausgehend hat Franziskus bei den letzten Synoden jeweils nachsynodale Schreiben verfasst. Diese Schreiben sind verbindlich. Besondere Beachtung fand das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ (2016), das der zweiten Familiensynode des Jahres 2015 folgte. Nicht allein, dass es – wenn auch nur in einer Fußnote – einen neuen Zugang zu den Sakramenten für wiederverheiratete Geschiedene eröffnete (so die herrschende Interpretation). Dieses Dokument stellte die vor allem von Johannes Paul II. idealistisch-rigoristisch behandelte Ehemoral auf realistischere Füße. Schuldig blieb das Dokument in den Augen mancher Beobachter aber eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit Homosexualität. Das hatte vermutlich auch mit den Vorbehalten auf der Synode zu tun. Nachsynodale Schreiben haben also Veränderungspotential, bewegten sich aber bisher in dem Rahmen, den die Synode davor absteckte.

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Wird der Papst also durch die Synode gebunden?

Rechtlich nicht, faktisch durchaus. Aber die Auswahl des Generalrelators der Synode, der das Abschlussdokument verfasst, bietet eine „elegante“ Form der indirekten Einflussnahme durch den Papst. Bei der Amazoniensynode ist das Cláudio Kardinal Hummes, ein enger Vertrauter von Papst Franziskus. Zwar kann er nichts ins Abschlussdokument schreiben, was nicht auf der Synode zur Sprache kam. Aber er kann Schwerpunkte im Sinne des Papstes setzen. «

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Nach der Synode in Österreich

„Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie“ sucht ab 6. Oktober die Amazonien-Sondersynode im Vatikan. In Salzburg werden unmittelbar nach Abschluss der dreiwöchigen Beratungen die Synoden-Teilnehmer Erzbischof Roque Paloschi und der Befreiungstheologe Paulo Suess bei einer Tagung am 30. und 31. Oktober im Bildungshaus St. Virgil von ihren Erfahrungen in Rom berichten. Organisiert wird die Tagung von der Koordinierungsstelle für internationale Entwicklung und Mission (KOO) der Österreichischen Bischofskonferenz. Auch Bischof Kräutler wird nach der Synode bei Veranstaltungen in Österreich (Vorarlberg) erwartet. Bei der Synode haben grundsätzlich Bischöfe eine Stimme. kna

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 40 vom 3. Oktober 2019)