aus der Reihe "Welt der Religionen" von Aglaia Poscher-Mika

Nach langer Betrachtung der umliegenden Landschaft aus verdrehter Perspektive sagte ein Zen-Meister: „Es gibt die Realität.“ Er hatte sich auf den Kopf gestellt, um die Frage nach dem Wesen der Dinge besser beantworten zu können.

Tatsächlich müssen wir manchmal unsere gewohnten Bahnen verlassen, um das, was wir für normal halten, mit frischem Blick sehen zu können. Und ich kenne Menschen, die auf einem Berggipfel mit Vorliebe einen Kopfstand machen und so die sagenhafte Bergkulisse voll auskosten.

Mit dem Mai-Neumond hat für Muslime der diesjährige Fastenmonat Ramazan begonnen, der für Verzicht auf Speise und Trank während des ganzen Tages steht - aber auch für besondere Gebete und Selbstreflektion. Niemals werde ich mein erstes Erleben dieser Fastenzeit vergessen, als ich 2012 als Gastprofessorin in Jerusalem war. Mit Einbruch der Dämmerung strömten ganze Menschenmasssen durch die Altstadt, der Basar war voller Köstlichkeiten und bunte Lichterketten schmückten die engen Gassen. Die Nacht wurde zum Tag - und am nächsten Morgen waren die Straßen kleinerer Städte der Umgebung wie ausgestorben.
Nicht selten stoßen diese Gepflogenheiten im Westen auf Unverständnis. Ob es nun gesund sei, Mahlzeiten ausschließlich des Nachts zu sich zu nehmen, sei dahingestellt. Doch etwas ganz Wichtiges eröffnet ein Befolgen der Fastenregeln den Gläubigen: Ihnen erschließt sich eine neue Perspektive auf ihr Leben. Und das sei auch die tiefere Sinnfrage des Ramazan: Will ich so weiterleben? Bin ich auf einem guten Weg? Wer seinen Alltag einmal im Jahr völlig auf den Kopf stellt, kann dies vielleicht besser beantworten.

Seit der Geburt unseres Sohnes wurde die Nacht auch schon des öfteren zum Tag: „Baby-Party“ nennt das mein Mann, und macht mit Begeisterung mit, solange es der Terminkalender des nächsten Tages erlaubt. Denn in der Folge sollte einem auch zustehen, den Tag zur Nacht zu machen. Wer selbst Kinder hat weiß, dass sie uns viele neue Sichtweisen lehren. Vielleicht auch deshalb gab Jesus seinen Jüngern zu bedenken: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ Fürchten wir uns also nicht, wenn unser Leben manchmal einen Kopfstand macht!

Aglaia Mika, SopranAglaia Poscher-Mika, MMA
Beauftragte der KatholischenKirche Vorarlberg
für den Interreligiösen Dialog;
Musiktherapeutin, Sängerin, Stimmbildnerin.