Rund um das Fest des heiligen Martin am 11. November gibt es einige Bräuche, die im Lauf der Zeit entstanden sind und sich teilweise bis heute erhalten haben. Autorin Maria Duffner hat drei von ihnen ausgewählt und erklärt ihre Wurzeln.

Bild: Der heilige Martin, oft dargestellt mit dem Evangelienbuch und einer Gans. Hier in der Pfarrkirche Bürserberg. Das Werk stammt aus den Jahren um 1740.

Martinispiel

Martin lebte im 4. Jahrhundert (ca. 317 bis 397). Geboren in Westungarn, wurde er römischer Soldat. Noch ungetauft, teilte er in einer kalten Winternacht seinen warmen Mantel mit einem Bettler, was ihm der Legende nach auch Probleme mit seinen militärischen Vorgesetzten einbrachte. Bald danach verließ er das Heer und ließ sich taufen. Martin wurde Mönch und Priester. Die Stadtbevölkerung von Tours in Westfrankreich wählte ihn zum Bischof.
Bei seinem Begräbnis begleiteten Kinder, die ihn sehr verehrten, mit Kerzen den Leichenzug. Noch heute spielen Kindergartenkinder gerne die Geschichte von der Teilung des Mantels und machen einen Umzug mit Laternen. Taten der Nächstenliebe sind wie ein Licht in der Nacht!

Martinigansl

Der Legende nach soll sich der Mönch Martin versteckt haben, als die Gläubigen von Tours ihn zum Bischof wählen wollten. Die Gänse, die er zu füttern pflegte, sollen ihn aber durch ihr lautes Geschnatter verraten haben. Daher isst man am Fest des hl. Martin eine gebratene Gans.
Tatsächlich aber war der Martinstag - ebenso wie der Georgstag im April - ein Zehenttag: An diesem Tag mussten die Bauern ihren Lehensherren den zehnten Teil ihrer Erträge - der Ernte und des Viehs - abliefern. Dazu gehörten natürlich auch Gänse, die im November ihren größten Geschmack erreichen. Das Ganslessen am Martinstag war somit das Festessen für die „Herren“. Die einfache Bevölkerung, Bauern und Handwerker, aßen die Gans erst zu Weihnachten. Das Ganslessen war aber zugleich verbunden mit dem Karneval - siehe nächster Abschnitt.

Karneval am Martinstag

„Am 11. 11. um 11 Uhr 11 beginnt der Karneval“, sagt man. Karneval kommt vom lateinischen „Carne, vale! - Fleisch, leb wohl!“ Früher begann am 15. November die 40-tägige Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest, das vorweihnachtliche Fasten inklusive Fleischverzicht. Ab 11. November konnte man sich also noch so richtig austoben und auch Fleisch essen, bevor „die stillste Zeit im Jahr“ begann. So wird das heute noch im so genannten Ambrosianischen Ritus, einem liturgischen Ritus der lateinischen Westkirche, in Mailand gehalten, ebenso wie in der östlichen Christenheit.
Im Laufe der Zeit verkürzte sich die Fastenzeit auf drei bis vier Wochen, vom 1. Adventsonntag bis Weihnachten, und auch der Tag des „Austobens“ verschob sich: vom 11. November auf den 25. November. Da an diesem Tag das Fest der heiligen Katharina gefeiert wird, sagt man im Volksmund „Kathrein stellt das Tanzen ein“. Bis heute wird gegen Ende November etwa in Innerösterreich, Wien und München zum „Kathreinstanz“ geladen, zum letzten Tanz vor Beginn des Advents. Der frühestmögliche Termin für den 1. Adventsonntag ist der 27. November. Da der Vorabend immer schon zum nächsten Tag gehört, ist der letzte Termin für Ausgelassenheit der 25. November. (Maria Duffner)

(aus dem KirchenBlatt Nr. 45 vom 8. November 2018)