Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie und wo Sie „gerne“ sterben würden? Bei einem Vortrag Anfang dieser Woche in Feldkirch stellten sich über 200 Interessierte dem Tabuthema Sterben und der Frage, ob die Medizin am Lebensende immer voll ausgeschöpft werden sollte.

Dr. Barbara Friesenecker hat täglich mit schwerstkranken und oftmals auch sterbenden Menschen zu tun. Seit 17 Jahren arbeitet sie in der Intensivmedizin in Innsbruck - eine Arbeit, die Freude mache und gleichzeitig (emotional) sehr belastend sei. Fakt ist nämlich, dass fast 40 Prozent der Patient/innen kurz vor ihrem Tod noch Therapien erhalten, die medizinisch gesehen keinen Nutzen bringen, dafür aber oft mit Leid und hohen Kosten verbunden sind.

Chronisch kritisch krank

„Mit den modernen intensivmedizinischen Therapiemethoden kann man Patient/innen sehr lange am Leben erhalten, die dann aber nicht gesund werden und weiterhin lebensbedrohlich krank bleiben“, erklärte Friesenecker den neuen Fachbegriff „chronisch kritisch krank“ anhand eines Fallbeispiels. 51 Tage lang lag eine demente 76jährige Frau nach einem Herzinfarkt auf der Station und litt an immer mehr Krankheiten, bis sie nach der Stabilisierung und Überführung in ein anderes Krankenhaus nach zwei Wochen starb. Ein Beispiel für Übertherapie, die auf keinen Fall mit friedlichem Sterben in Würde zu vereinbaren ist, stellte die Ärztin klar.

Vorsorge!

Von Übertherapie spreche man, wenn Behandlungen durchgeführt werden, die „sehr unwahrscheinlich weder die Lebensqualität noch -quantität erhöhen, die mehr Schaden als Nutzen anrichten oder denen Patient/innen nicht zugestimmt hätten“, erklärte Friesenecker. Und betonte im nächsten Atemzug die Relevanz von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. In vielen Fällen werde das Sterben lediglich hinausgezögert, statt „eine Therapiezieländerung“ Richtung palliativ vorzunehmen. Zum einen, weil Patient/innen und Angehörige darauf bestehen oder nicht richtig aufgeklärt werden, zum anderen, weil Behandelnde Angst vor rechtlichen Konsequenzen haben. Stichwort: unterlassene Hilfeleistung oder fahrlässige Körperverletzung.

Medizin-Mechaniker

„Ärzte verkommen zu Medizin-Mechanikern“, sieht Friesenecker eine Gefahr darin, dass das medizintechnische Können „nahezu grenzenlos“ sei. Dabei sollte der Arzt besser Anwalt der Patienten sein, um „Gutes zu tun und Schlechtes zu unterlassen“. Die Erfahrung und zahlreiche Studien zeigen, dass Patienten nicht leiden oder willenlose Pflegefälle sein möchten, sondern zu einer angemessenen Lebenssituation und -qualität zurückkehren wollen. Die hohe Erwartungshaltung an die Medizin(er) fördere aber eine Übertherapie, unter der nicht nur die Patient/innen, sondern auch Angehörige und Behandelnde leiden würden. Das ständige Auf und Ab führe bei Angehörigen manchmal zu posttraumatischen Störungen, sodass sie wie „Vietnamveteranen“ erscheinen. Und auch das Krankenhauspersonal leide aufgrund der Sinnlosigkeit oftmals an Burnout.

Sterben in Würde

Friedliches Sterben in Würde finde ohne Angst, Stress, Schmerz, Atemnot und im Idealfall nicht alleine statt, erklärte Friesenecker. Die Realität zeige zudem, dass derzeit nur rund 30 Prozent der Patient/innen zu Hause sterben. Was also tun, um das Lebensende zu verbessern? Darüber reden! Die Themen Lebensende, Tod und Sterben enttabuisieren und vor allem: Vorsorge treffen, damit Patienten in guter Selbstverantwortung sagen können, was sie sich für ihr Leben und Lebensende wünschen, betonte die Ärztin. Mit dem neuen Ärztegesetz, dem neuen Erwachsenengesetz und der Patientenverfügung tue sich schon einiges, jetzt müsse man es nur noch nutzen.

Den Vortrag zum Nachsehen finden Sie online unter www.youtube.com/akvorarlberg

Weitere Informationen und Termine rund um die Reihe "Wissen fürs Leben": vbg.arbeiterkammer.at/wissenfuersleben

(aus dem KirchenBlatt Nr. 4 vom 24. Jänner 2019)