Wie wichtig Textilien für uns Menschen sind - und wie äußerst gleichgültig wir oft mit deren Herstellung umgehen: Dies und mehr thematisiert die neue Ausstellung „Living fabrics“ im Foyer des Frauenmuseums in Hittisau, die vergangenen Samstag eröffnet worden ist.

Elisabeth Willi

Ausgestellt sind zwei Teppiche, die aus verschiedensten Stoffteilen wie Seidenkrawatten, Juppen, Saris und mehr bestehen - und dennoch ein harmonisches Ganzes bilden. Dazu gibt es einen ca. 20-minütigen Film über die Entstehung des Kunstprojektes von Nesa Gschwend zu sehen.

Über Grenzen hinweg.

In unterschiedlichen Ländern - Österreich, Deutschland, Schweiz, Georgien und Indien - beteiligten sich Frauen, aber auch Männer an dem partizipativen Kunstprojekt. Sie trafen sich an einem bestimmten Ort, brachten gebrauchte Textilien mit oder erhielten sie von der Künstlerin Nesa Gschwend. Dann wurde geschnitten, von Hand genäht, gestickt, und dadurch entstanden neue Teile. In ihrem Atelier ergänzte die Künstlerin diese dann, setzte sie miteinander in Beziehung, fügte sie zusammen - und erschuf Teppiche. Sie sind ein Netzwerk über persönliche, soziale, nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Außerdem haben Teppiche vielerlei Funktionen, auf der ganzen Welt: Sie dienen als Raumgliederung, sind Symbol und Ort für Rituale sowie Traditionen, sie wärmen und schützen.

Künstlerin Nesa Gschwend (v.l.), Bettina Steindl, Nawress Al Anbagi und Stefania Pittscheider.  2015 begann die Schweizer Künstlerin (links) mit ihrem Projekt, 1600 Menschen aus 56 Nationen nahmen bisher daran teil. Viele Teppiche sind derart schon entstanden, solange es sie noch interessiert, macht Nesa Gschwend mit dem Kunstprojekt weiter.
Ein wichtiger Aspekt davon ist der Austausch untereinander. Früher, so erklärte die Künstlerin, habe man viel öfter gemeinsam gearbeitet, etwa Kleidung gewaschen und sich dabei auch unterhalten - heute hingegen sitzen viele Menschen alleine und stumm vor dem Computer. Während die Frauen und Männer an dem Kunstprojekt arbeiteten, wurden Geschichten erzählt, Fragen gestellt, Tipps und Erfahrungen weitergegeben.

Halt in Vorarlberg.

Vor einem Jahr machte Nesa Gschwend mit ihrem Projekt in Hittisau und Dornbirn Halt. In Dornbirn wurde unter einem großen Ahornbaum hinter dem Kulturhaus mit einer Schulklasse geschnitten, genäht und Fragen zum Herstellungsprozess von Textilien besprochen, wie etwa „Warum sind T-Shirts so billig?“, „Wie viel Zeit braucht es, um sie herzustellen?“

In Hittisau trafen sich u.a. Schülerinnen, Frauen aus der Region und solche, die noch nicht so lange hier wohnen - aus Syrien und dem Irak. Eine Teilnehmerin brachte eine Juppe mit, die ihr eine nahe Bekannte vor 20 Jahren geschenkt hatte. Nie hat sie diese Tracht getragen, doch sie brachte es auch nicht über sich, sie zu entsorgen. Der erste Schnitt fiel schwer, aber nun hat das traditionelle Kleid in dem Kunstprojekt wieder einen Platz bekommen.

Nawress Al Anbagi, Asylwerberin aus dem Irak und seit 3,5 Jahren in Sibratsgfäll wohnend, war beim Workshop in Hittisau ebenfalls dabei. „Viel sprechen, Kaffee trinken, lachen und Spaß haben“, so beschreibt sie diesen Nachmittag. Sie habe neue Menschen kennengelernt, mit denen sie teilweise heute noch Kontakt pflegt. Dies zeigt einen weiteren Aspekt von „Living fabrics“: Verbindungen schaffen.

Weitere Einblicke in die Philosophie des Projektes gab Nesa Gschwend bei der Eröffnung im Rahmen eines Künstlerinnengesprächs. Neben der Künstlerin standen Stefania Pitscheider, Direktorin des Frauenmuseums, und Bettina Steindl, Projektleiterin von „Dornbirn plus“ auf der Bühne.

„Textilien sind Lebensgrundlage wie Essen und Trinken. Nichts ist uns näher“, erklärte Nesa Gschwend. Für sie sind Stoffe lebendig, denn: „Wir hinterlassen unsere Spuren in und an Textilien, und sie verändern sich durch unseren Gebrauch.“ Deshalb gab sie ihrem Kunstprojekt den Namen „Living fabrics“ („Lebende Stoffe“).

Auslagerung.

Nesa Gschwend ist bei St. Gallen aufgewachsen. Sowohl ihre Heimat als auch Vorarlberg haben eine lange Tradition der Textilindustrie - die teilweise miteinander verbunden ist. Um 1910 war die „St. Galler Stickerei“ eine der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region. Waren die Stickereien erst in St. Gallen und Umgebung hergestellt worden, ließen die Firmenchefs ihre Erzeugnisse bald auf der anderen Seite des Rheins - vor allem im Bregenzerwald - besticken. Weil es billiger war. „Dies war ein früher Prozess der Auslagerung aus Kostengründen“, sagte die Künstlerin. Seither wurde und wird immer wieder ausgelagert - stets dorthin, wo noch billiger produziert werden kann. „Profitdenken zerstört und hinterlässt unglaubliche Schicksale“, warnte Nesa Gschwend. Deshalb - so erklärte Stefania Pitscheider - ist ein Umdenken von jedem und jeder notwendig. „Das Bewusstsein um den Wert der Dinge muss wieder erhöht werden. Täglich ein T-Shirt um fünf Euro zu kaufen, geht einfach nicht.“  «

Living fabrics

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 28. Juli, im Frauenmuseum (Foyer) Hittisau zu sehen.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 28 vom 11. Juli 2019)