Die Frage nach der Schuld ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Dabei ist psychologisch betrachtet gar nicht so eindeutig, wie Schuldgefühle entstehen und was sie im Menschen bewirken. Reinhard Haller macht sich auf die Suche.

Teil 1 der 7-teiligen Fastenserie "Schuld und Vergebung" von Bestsellerautor und Gerichtspsychiater Reinhard Haller.

Reinhard Haller

Mit dem Schuldbegriff tun wir uns alle schwer, und noch schwerer mit der Schuld an sich, mit der eigenen wie auch jener der anderen. Die Schwierigkeiten beginnen bereits mit der Frage, was denn Schuld sei. Ist Schuld nur ein Gefühl, eine bedrückende soziale Emotion, eine auf Fehlverhalten folgende psychische Reaktion oder eine evolutionsbiologisch entwickelte Empfindung? Trifft die Interpretation als Mahnung des Gewissens und als Belastung der Seele das eigentliche Wesen der Schuld? Kann man sie nur als ein gegen Normen und Werte verstoßendes Verhalten, als sittliches Versagen oder als strafrechtliche Verfehlung definieren? Wie unterscheidet sich Schuld von der Scham, der Bewahrerin des Selbstwertgefühls und Behüterin der Würde? Was hat Schuld mit Gerechtigkeit und Strafe zu tun, was mit Vergeltung und Rache, was mit Buße und Sühne? Was versteht man unter Schuldbewusstsein, wann fehlt die Schuldfähigkeit und welche Folgen können Schuldzuweisungen haben? Wie prägt der Umgang mit Schuld unsere Persönlichkeit, welche Lehren können wir aus Beschuldigung und Schuldverarbeitung ziehen, wie schützt das Schuldempfinden uns und unsre Mitmenschen vor weiteren Verfehlungen? Ist die Frage nach der Schuld nicht immer auch eine nach der Freiheit des menschlichen Willens? Fragen über Fragen, die Theologen und Philosophen gleichermaßen beschäftigen und nach immer neuen Antworten verlangen.

Fragen über Fragen

Und für jeden von uns ganz persönlich: Was sind eigentlich Schuldgefühle, die nicht immer in einem nachvollziehbaren Verhältnis zur wirklichen Schuld stehen? Schuldgefühle treten auf, so die allgemeine Meinung, wenn Normen verletzt werden, seien es moralische Richtlinien, seien es religiöse Gebote oder gesellschaftliche Verbote. Aber sind sie nicht auch Symptome oder sogar Ursachen krankhafter Störungen, von Neurosen und Depressionen, gehören sie nicht zu jeder Angsterkrankung und zu jeder Form der Süchtigkeit? Oder können sie, ganz im Gegenteil, gar zum Schutzfaktor werden, sowohl für den Schädiger, den sie vor weiteren bösen Taten abhalten können, als auch die Opfer, die vom sich schuldig fühlenden Aggressor verschont werden? Resultieren Schuldgefühle aus Spannungen zwischen Gewissen und Triebhaftigkeit, zwischen Sünde und Moral oder aus Verletzungen des Über-Ichs, wie die Psychoanalyse sagt? Fördern oder unterdrücken Schuldgefühle die Empathie, sind sie Ausdruck eines schwachen oder eines besonders reifen Charakters? Wer ist denn für diese belastende Emotion überhaupt zuständig? Die Richterin, der Psychotherapeut oder ein Seelsorger? Wer kann sie gerecht beurteilen, wer dafür bestrafen, wer davon lösen und befreien, wer den guten Weg aus dem Tal der Schuld zeigen? Wie lässt sich Schuld vielleicht sogar konstruktiv nutzen und wie kann man sie überwinden?

Schattierungen der Schuld

Die Schuldfrage hat große Bedeutung in der Religion, in Philosophie und Psychologie, im Rechtswesen und in den Sozialwissenschaften. Jede dieser Disziplinen hat ihre eigenen Erklärungen und Definitionen, ihre spezifischen Interpretationen und Konzepte. Im moralischen Sinne ist Schuld ein in freier Entscheidung vorgenommener Verstoß gegen das Gewissen und die sittlichen Normen. Die theologischen Wissenschaften, in denen Schuld und Erlösung von zentraler Bedeutung sind, interpretieren Schuld als Verfehlung gegen Gott und seinen Willen. In der Psychologie gilt Schuld als eine normalerweise negativ wahrgenommene Emotion, welche bewusst oder unbewusst einer Fehlreaktion folgt. Die Philosophie hat die Verursachung eines Übels und die Vorwerfbarkeit, welche immer den einzelnen Menschen in seinem Handeln und nicht in seiner bloßen Zugehörigkeit zu einem Kollektiv betrifft, als wichtigste Schuldelemente identifiziert. Rechtlich wird Schuld als Verantwortung für Handlungen und Unterlassungen, die zu einem Gesetzesverstoß führen, interpretiert. In der Evolutionsbiologie wird diskutiert, ob es im Menschsein nicht so etwas wie einen allgemein gültigen, möglicherweise im Gehirn verankerten Moralinstinkt gibt und Schuldgefühle immer auftreten, wenn man diesen überspringt. Alle Beschreibungen und Analysen der Schuld sind schwierig, weil man Schuld nicht nur kognitiv erfassen und rational erklären kann, sondern die emotionale Komponente und die intraindividuelle Reaktion stets eine große Rolle spielen. Schuld und Schuldgefühle gehören jedenfalls zur Grundausstattung unserer geistigen Welt und sind untrennbar mit dem Menschsein verbunden.

Von Schuld bis Vergebung

All dies sind Fragen, die niemand bis ins Letzte beantworten kann, denen wir uns aber stellen müssen, jede und jeder Einzelne von uns, jede Gemeinschaft, die ganze Gesellschaft. Die Fastenwochen sind eine gute Zeit dafür, denn jetzt ist der Mensch auf Nachdenken und Nachfühlen, auf den Blick hinter die Kulissen, auf Tiefgang und Transparenz, auf Verzicht und Büßen eingestellt. Die Osterzeit hingegen wird dann mit ihrer befreienden Stimmung den idealen Rahmen bieten für Überlegungen zur Überwindung der Schuld und Bewältigung von Schuldgefühlen, für den im wahrsten Sinn des Wortes erlösendsten Umgang, das Vergeben und Verzeihen.

Mehr Infos zur Fastenserie finden Sie hier.

Reinhard Haller

Reinhard Haller nähert sich dem Phänomen „Schuld“ aus psychologischer Sicht, geht den Wurzeln der Schuldgefühle auf den Grund und erklärt, wie man sie überwinden kann.

Foto: Kath. Kirche Vorarlberg / Patricia Begle

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 7 vom 18. Februar 2021)