Seelsorge, Sozialarbeit, Lobbying und Bildung: Mit diesen vier Aspekten, die den Begriff der "Altenpastoral" umschreiben, soll eines gezeigt werden: Es geht bei der Altenpastoral ganz zentral um die spezifischen spirituellen, sozialen, körperlichen und geistigen Bedürfnisse älterer und alter Menschen in unserer Gesellschaft. Viele Ehrenamtliche engagieren sich in unseren Pfarren für ältere Menschen. Wir sind dankbar für jedes Engagement, und sei es auch beschränkt auf einen der genannten Bereiche. Im Blick auf das große Ganze gilt es jedoch für die Verantwortungsträger in den Pfarren, die unterschiedlichen Dimensionen zu diesem Thema immer wieder ins Bewusstsein zu rufen und daran zu arbeiten, dass alle vier Aspekte in der Pfarre präsent sind.

Was ist eigentlich „Altenpastoral“?

Immer wieder stelle ich im Gespräch mit den hauptamtlich und ehrenamtlich engagierten Menschen in unseren Pfarren fest, wie sperrig und hochtrabend der Begriff der „Altenpastoral“ wahrgenommen wird.  „Seniorenarbeit“, ist dabei als Begriff schon weitaus geläufiger, greift aber in vieler Hinsicht zu kurz. Ich will versuchen, den Begriff der „Altenpastoral“ so zu definieren: Es geht ganz wesentlich darum, auf der Basis der Grundhaltung des christlichen Glaubens die Anwaltschaft für die Bedürfnisse und Interessen älterer und alter Menschen in unseren Pfarren zu übernehmen. Diese Anwaltschaft umfasst vier Grunddimensionen: die seelsorgliche, die caritativ-soziale, die gesellschaftspolitische und die Bildungsdimension. Was diese Dimensionen wiederum beinhalten, werde ich im Folgenden kurz ausführen:

Die seelsorgliche Dimension
Wie geht es eigentlich unseren alten Menschen in unserer Pfarre? Haben wir jenseits von Jasser-Nachmittagen und Kaffeekränzchen die Menschen im Blick, die womöglich nicht mehr außer Haus gehen und für die das Alter zur Last geworden ist? Kennen wir die Nöte, die Sorgen, Hoffnungen und Freuden der alten Menschen bei uns? Nicht selten bringt das zunehmende Alter gravierende Begleiterscheinungen mit sich, die ein Mensch zunächst einmal psychisch und seelisch verkraften muss: Körperliche Einschränkungen, Einsamkeit, das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und „zum alten Eisen zu gehören“ sind einige davon. Seelsorge für und mit alten Menschen vollzieht sich im Blick auf das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen und in der Deutung dieser Erfahrungen im Licht des Evangeliums und schließlich auch in der Feier von Liturgie und Sakramenten.

Die soziale Dimension
Einen weiteren, vielleicht noch niederschwelligeren Aspekt von Altenpastoral bietet uns die soziale Dimension. Die kirchlich-caritativen Einrichtungen wie z.B. die Pfarrcaritas bieten Hilfeleistungen und Begleitung für alte Menschen in verschiedenster Form an: Seniorennachmittage, Besuchsdienste,  organisatorische Hilfeleistungen aller Art, die Organisation von Ausflügen, geselligen Runden oder auch Kurzurlauben etc. gehören zu dieser Dimension, die oftmals auch ein Türöffner für seelsorgliche Gespräche bieten kann.

Die gesellschaftspolitische Dimension
Was in unseren Breitengraden längst zu einer Realität geworden ist, gilt es regelmäßig auf gesellschaftlich-sozialer Ebene ins Bewusstsein zu rufen: Es gibt immer mehr ältere und alte Menschen und die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen hinken dieser Tatsache tendenziell hinterher. Themen, die in den nächsten Jahren dringend diskutiert und gelöst werden wollen sind beispielsweise: Bekämpfung der Altersarmut, Anpassung des Pensionsalters an die Lebenserwartung, Altersgerechte Arbeit und Arbeitsplätze, Finanzierbarkeit der Pflege, Wohnen und Mobilität im Alter, Vereinsamung alter Menschen, Beteiligung alter Menschen am gesellschaftlichen Leben, fortschreitende Digitalisierung als Ausschlusskriterium, Krankheitsprävention etc. All diese Themen wollen im Blick behalten und regelmäßig auf das Tapet der tagespolitischen Agenden gebracht werden, wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr ältere und alte Menschen abgehängt werden und mit ihren Anliegen und Bedürfnissen auf der Strecke bleiben. Hier braucht es aktive Lobbyarbeit, die auf menschenwürdige Lebensbedingungen alter Menschen abzielt und für diejenigen die Stimme erhebt, die ihre Stimme selbst nicht mehr erheben können.

Die Bildungs-Dimension
Als Schlüssel für die zuvor erwähnten drei Dimensionen gilt die Bildungsdimension. Eine gute Altenpastoral „passiert“ nicht von alleine, sondern braucht die ständige reflexive Auseinandersetzung aller Beteiligten mit den aktuellen Themen. Im Wissen um die Stolperfallen, die uns diese Lebensphase womöglich bereithält, können wir Vorkehrungen treffen, diesen tunlichst aus dem Weg zu gehen. Bildung eröffnet Horizonte, hilft gewisse Dinge einzuordnen, auch zu hinterfragen und neu zu sortieren und begleitet die Menschen in der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Thema des Älterwerdens in unserer Zeit. Wenn wir z.B. wissen, wie sich die Alterspyramide künftig verschieben wird und wie hoch der Anteil der älteren und alten Menschen in unserer Gesellschaft in 20, 30 Jahren sein wird, dann können und müssen wir uns bereits jetzt auf diese Situation vorbereiten. Ebenso verhält es sich mit den Themen Gesundheit, Mobilität, Wohnen, finanzielle Absicherung etc. Es gilt, die Menschen so gut es geht vorzubereiten und zu begleiten auf einer der spannendsten aber sicherlich auch herausforderndsten Lebensphase, nämlich jener des dritten und vierten Viertels ihres Lebens.

Dr. Michael Willam
Leitung Kategoriale Seelsorge
Pastoralamt Diözese Feldkirch