Dr. Stephan Marks, geb. 1951, ist Sozialwissenschaftler, Supervisor und Sachbuch-Autor. Beim Herbstsymposion der Katholischen Kirche Vorarlberg, das am 2. und 3. September im Bildungshaus St. Arbogast stattfindet, ist er als Hauptreferent eingeladen. Thema ist dabei "Die Scham". Dr. Marks, der zu Scham und Menschenwürde seit Jahren arbeitet, geht es dabei um einen bewussten und konstruktiven Umgang mit Schamgefühlen.

Interview: Wolfgang Ölz

Was ist Scham? Ist das Gegenteil von Scham die Schamlosigkeit?
Stephan Marks: Scham ist eine Emotion, die zum Menschsein gehört, die uns als Menschen kennzeichnet. Schon die ersten Menschen im Alten Testament erlebten Scham. Wenn wir diese grundlegende Emotion abwehren, kann das zu Schamlosigkeit führen, etwa indem andere beschämt, verachtet, bloßgestellt etc. werden.

Wie zeigt sich Scham?
Marks: Ein unbewusster Umgang mit Scham kann z.B. zu eben dieser Schamlosigkeit von verachten, bloßstellen und beschämen führen, oder sich aber auch in Depression, Suchtverhalten und Selbstabwertung bis hin zum Suizid zeigen. Hingegen zeigt sich ein bewusster Umgang mit Scham darin, dass man zum Beispiel einsieht, dass man die Grenzen anderer Menschen verletzt hat, dass man sie um Entschuldigung bittet und daran moralisch wächst. "So etwas tue ich nie wieder", das wäre ein Beispiel für die sogenannte "Gewissens-Scham".

Wie stehen Ansehen und Würde in Beziehung zu Scham?
Marks: Bei der "Gewissens-Schamform" geht es um den Blick auf sich selbst. Eine andere Form der Scham orientiert sich am Blick der anderen: "Was denken die Leute? Wie sehen sie mich?" Wir sprechen dann von Ansehen, viele andere Kulturen von "Ehre" bzw. "Schande". Ansehen ist, nach meiner Auffassung, ein Aspekt von Würde.

In welchem Verhältnis sehen Sie Demütigung und Schuld zur Scham?
Marks: Scham und Schuld werden oft verwechselt, dabei gibt es viele Unterschiede. Scham ist ein Gefühl, Schuld eine Tatsache. Schuld ist spezifisch - zum Beispiel "Ich habe diesen Fehler gemacht". Scham dagegen ist "total" - "Ich bin schlecht".

Warum wird Scham tabuisiert?
Marks: Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der zurzeit der Blick der anderen immer unerbittlicher wird. Tagtäglich bombardiert uns Werbung mit der Botschaft: "Sei immerzu jung und fit und schlank und gesund und erfolgreich und potent und gut drauf und selbstoptimiert..." Das ist auch ein machtvoller ökonomischer Faktor, weil eine Fülle von Produkten angepriesen werden, die vorgeben, die Konsumenten vor der schmerzlichen Tatsache zu bewahren, dass wir nicht eben "perfekt", sondern fehlbar, gebrechlich uva. sind. Scham ist schmerzhaft und es scheint einfacher zu sein, sie abzuwehren, etwa indem Andere beschämt werden.

Was ist Scham in biblischer Hinsicht (Gen 3,7)?
Marks: Die ersten Menschen erleben Scham. Die dafür zuständige Gehirnregion befähigt uns, wie von außen auf uns selbst zu blicken. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns schämen können: "Oh, ich bin ja nackt" im Beispiel von Adam und Eva.

Welche Rolle spielt Scham bei Ausgrenzung in sozialen Verbänden wie Schulklassen oder Mobbing am Arbeitsplatz?
Marks: Abgewehrte Scham ist häufig mitbeteiligt an Ausgrenzungen und Mobbing. Um die eigene Scham nicht fühlen zu müssen, werden andere beschämt oder ausgegrenzt.

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Scham

Buchtipp

Stephan Marks: „Scham – die tabuisierte Emotion“, Patmosverlag 2011.